Hier finden Sie Texte über die Kirche
Texte von Peter Josef Dickers
Texte von Wilhelm Weber
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Texte von Peter Josef Dickers
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Wer glaubt, wird selig - die meisten etwas später
Der Tod von Papst Johannes Paul II. und die Wahl Benedikts XVI. führen in Deutschland zu einem merklichen Anstieg der Kircheneintritte, so berichtete kürzlich Kardinal Lehmann. Aus Rom erreichen uns Nachrichten über eine Seligsprechung Johannes Paul II. im Eilverfahren. Der polnische Monsignore Slawomir Oder als Anwalt der "Causa Wojtyla" legte "Dokumente über das Leben, die Tugenden und den Ruf der Heiligkeit des Dieners Gottes, Wojtyla" vor. Der Wunsch der Wojtyla-Anhänger nach schneller Aufwertung des verstorbenen Papstes bewirkt offensichtlich ein Verfahren auf der Schnell- und Überholspur. Da für die Seligsprechung nur noch der Nachweis eines nach dem Tod erfolgten Wunders notwendig ist, wird dieses sicherlich bald geschehen - wenn es nicht schon, unbemerkt von der nicht-polnischen Öffentlichkeit, längst eingetreten ist. Vielleicht reicht ja auch der wundersame Anstieg der Kircheneintritte.
Es spielt dabei natürlich keine Rolle, dass der Münsteraner Kardinal von Galen erst in diesem Jahr - 58 Jahre nach Einleitung des Verfahrens - selig gesprochen wird. Die Seligsprechung der Düsseldorfer Schwester Emilie Schneider befindet sich sogar schon seit 70 Jahren in der Warteschleife.
Was lehrt uns das? Wer glaubt, wird selig - irgendwann, mit der Auferstehung. Die vorverlegte Seligkeit hat ihre eigenen Gründe, sie muss jemand anderem sozusagen zu Nutzen sein, so z.B. den Wojtyla-Verehrern. Die Seligkeit des normal Glaubenden dient dagegen nur ihm selbst.
Aus Mutterstadt wird übrigens gemeldet, dass dort der Ford Lincoln Continental, den Johannes Paul II. bei seiner USA-Reise 1979 geschenkt bekam,
versteigert wird. Sollte man nicht diesen weißen, sechs Meter langen Straßenkreuzer / Baujahr 1979 irgendwie in den Seligsprechungsprozess mit
einbeziehen? Sozusagen als Manifestation des Verzichtes seines ehemaligen Besitzers. Der hatte ihn nämlich der Caritas-Stiftung in Rom geschenkt
und die wiederum ihn zu Gunsten der Kambodscha-Flüchtlingshilfe verkauft.
Ob die Kirche unserer Zeit auch noch andere Probleme hat? Ob diese auch im Eilverfahren gelöst werden?
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Kirchenschließungen - der neue Totentanz
Der Oberbürgermeister war stolz. In dieser Kirche wäre er gefirmt worden, zu ihr hätte er eine besondere Beziehung, ließ er wissen. Er zeigte sich gerührt, die Gemeinde im dicht gefüllten Gotteshaus auch. Sie jubelte, denn der Künstler Markus Lüpertz schenkte der Pfarrgemeinde seinen "Totentanz". Niemand wird diese Kirche in naher Zukunft schließen.
Mit dem Schließungs-Tod kämpfen dagegen viele andere katholische und evangelische Kirchen. Zuerst wurden Bahnhof, Schule, Bank und Poststelle dicht gemacht - jetzt ist die Kirche an der Reihe. Es wird fusioniert, organisiert, demontiert. Gemeinden, die es betrifft, sind empört, verunsichert, ratlos. Ein Totentanz geht um.
Brauchen wir noch Kirchen? Für die großen Events sicher nicht. Für Kirchentage, Katholikentage reichen zur Not Marktplätze und grüne Wiesen. Des Kirchenvolkes wahrer Himmel braucht an solchen Tagen eher den "Arena auf Schalke-Tempel" als enge Kirchenräume. Und die Hunderttausende, die zum Papst strömten, trafen sich auf dem Felde für den Hirten am "Hügel vor den Toren" Kölns.
Brauchen wir die vielen Kirchen? Wir werden sie uns nicht mehr alle leisten können, wenn Kirchensteuereinnahmen weiter rückläufig sind und die Mitgliederzahlen in den kommenden Jahren weiter sinken werden. Wir brauchen sie nicht alle, weil immer weniger Pfarrer und Priester darin Dienst tun. Die Katholische Kirche hält es ja "aus prinzipiellen Gründen nicht für zulässig, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen" und meint, "dass der Ausschluss von Frauen vom Priesteramt in Übereinstimmung steht mit Gottes Plan für seine Kirche" (Apostol. Schreiben vom 30.5.1994). Das hat zur Folge: Mit weniger Personal wird man die vielen Kirchen auf Dauer nicht halten können. "Mit Gottes Plan" werden sie zu "nutzlosen Immobilien". Einladung zum Totentanz.
Andererseits frage ich mich: Verstehen sich katholische Kirchen nicht als geweihte, heilige Räume? Kann bzw. darf man sie für jeden beliebigen Zweck umfunktionieren?
Kann man nicht nachvollziehen, dass jemand, der dort getauft wurde, zur Kommunion ging, geheiratet und gebetet hat, nicht plötzlich Pizza oder Hamburger darin essen möchte? Reicht eine reine Kosten-Nutzen-Rechnung für leer stehende Kirchenräume aus, um leere Kirchenkassen zu sanieren?
Weiß man denn, ob Kirchen für immer leer bleiben werden? Kann nicht Not wieder beten lehren?
Als ich kürzlich in Budapest war, erfuhr ich den besonderen Service der dortigen Basilika-Gemeinde. Sechs Sonntags-Gottesdienste wurden angeboten, wenn auch nicht immer alle Bänke besetzt waren. Gelegen- heit macht Liebe.
Natürlich wird man sich von Besitzständen trennen müssen. Jede Familie erfährt das ja. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann stehen die Kinderzimmer leer. Auch aus dem Haus der Kirche sind viele "Kinder" ausgezogen - aus welchen Gründen auch immer. Man wird Etliches an Kirchensubstanz, Bausubstanz aufgeben müssen, um Anderes erhalten zu können. Mir steht es nicht zu, darüber zu befinden. Dennoch könnte ich mich von manchen vor- und postmodernen Beton-Tempeln und Seelen-Garagen mit ihrem unvergleichlichen Charme einer Wartesaal-Atmosphäre leichten Herzens verabschieden. "Prüfet alles, das Gute behaltet", lese ich in der Bibel.
Ich habe den Eindruck, dass sich zumindest die Katholische Kirche z.Zt. in vieler Hinsicht zu Tode organisiert. Der Pfarrer der anfangs erwähnten "Totentanz" - Gemeinde braucht sich allerdings nicht zu sorgen. Seine mit Elan betriebene Nähe zur Kunst und zum Heiligen Vater werden dazu beitragen, dass seine Herde so schnell nicht ohne Hirt und seine Kirche nicht in Bälde zum China-Restaurant umfunk- tioniert werden wird. Wer mit auf dem Kölner Hügel stand, dessen Kirche wird so schnell nicht wanken.
Kirchen müssen nicht deswegen geschlossen werden, weil ihnen der elektronische Opferstock fehlt. Kirchen werden aber zunehmend dann überflüssig werden, wenn der mit Vehemenz angekurbelte Selig- und Heiligsprechungsprozess des verstorbenen Papstes wichtiger wird als die Sorge darum, wie man den innerkirchlichen Totentanz verhindern kann.
Dabei geht es nicht nur um die Bauwerke, sondern um die Menschen, die darin Hoffnung oder Trost suchen.
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Texte von Wilhelm Weber
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Das Frauenbild in Gesellschaft und Kirche (Muttertag)
Am Muttertag wird die Frau als Mutter geehrt. Jeder Mensch hat eine Mutter, sonst wäre er bzw. sie nicht da. Würde sich die Frau nicht mehr dazu entschließen, Mutter zu werden, dann wäre die Menschheit am Ende. Ist also das Mutter-sein die Hauptaufgabe der Frau?
Das war lange Zeit das Frauenbild in der Gesellschaft. Geschichte machten die Männer, die Frauen waren auf ihre Mutterrolle verwiesen und auf den Haushalt, der ja für das Aufziehen von Kindern unerlässlich war.
Wie sieht das in der Kirche aus?
Die Kirche hat genau dieses Frauenbild bis heute beibehalten. Kein Wunder: Kirche ist Teil der Gesellschaft - vielleicht etwas konservativer und weniger wandlungsbereit als die Gesellschaft.
Die Frau hat in der Kirche zwei Möglichkeiten, Anerkennung zu finden:
1. als Mutter.
Prominentestes Beispiel ist da Maria, die aufgrund ihrer Gottesmutterschaft überragendes Ansehen genießt. Auch das Verständnis des Ehesakramentes fordert die Mutterrolle der Frau unbedingt ein. Denn ohne grundsätzliche Bereitschaft zum Kind kommt keine gültige Ehe zustande.
2. findet die Frau in der Kirche Anerkennung als gottgeweihte ehelose Nonne.
Die Geschicke der Kirche werden von Männern gelenkt. Da haben die Frauen keinen Zutritt.
Nun hat sich das Frauenbild in der Gesellschaft in den letzten Jahren schon gewandelt. Dafür hat die Emanzipationsbewegung der Frauen gesorgt. Kennzeichen dieser Bewegung waren die Einforderung gleicher Bildungschancen und gleicher Berufschancen, wie sie den Männern zugestanden werden. So wurden nach und nach auch den Frauen Berufe zugänglich, die bisher reine Männerdomänen waren, z.B. bei Polizei und Armee. Frauen wollen - wie die Männer - das Recht auf Selbstverwirklichung haben. Das bringt sie jedoch oft in einen Rollenkonflikt, und zwar in den Konflikt zwischen Mutterrolle einerseits und Rolle der emanzipierten Karrierefrau, die auf Kinder verzichtet, andererseits. Sie sehen: die neue Rolle der Frau in der Gesellschaft ist noch keineswegs definiert; denn plötzlich bemerkt man, dass wir ein rasant sterbendes Volk sind. Und ohne Kinder geht´s ja wohl nicht. Doch lässt sich das Rad der Geschichte auch nicht einfach zurückdrehen.
Fragen wir nun: Hat sich das Frauenbild auch in der Kirche gewandelt?
Selbstverständlich! Denn Kirche ist ja Teil der Gesellschaft. Auch in der Kirche drängen die Frauen auf gleiche Berufschancen. Sie wollen ins Diakonat, sie wollen Priester werden, sie wollen auch in der Kirche Leitungsfunktionen übernehmen.
Die Abwehrargumente werden immer brüchiger; so etwa das Traditionsargument, Jesus habe nur Männer zu Aposteln berufen. Jede Generation hat die Kirche auf ihre Zeit umzurüsten! Und da ist in den letzten Jahrzehnten viel versäumt worden. Die Frau im Priesteramt warum sollte sie nicht auch Mutter sein können? Und auch umgekehrt gilt: das Mutter-sein der Frau würde sie nie für den priesterlichen Dienst disqualifizieren. Wenn man grundsätzlich das Priesteramt für die Frau öffnen würde (wie die Gesellschaft es mit ihren Männerdomänen vorgemacht hat), dann müssten die Probleme der praktischen Vereinbarkeit von Beruf und Aufziehen der Kinder auch von der Kirche gelöst werden. Und sie könnte da sogar ihr eigenes Modell entwickeln, das vielleicht beispielhaft für andere sein könnte. Oder sie könnte gewissermaßen in einer großen Koalition mit den anderen gesellschaftlichen Gruppierungen ihren Beitrag leisten zu einem neuen Verständnis der Frau, die als Mutter eben nicht verzichten muss auf ihren Beruf, der ihr auch gesellschaftlich Anerkennung bringt. Nur eines wäre schlecht: wenn sich die Kirche völlig einem neuen Denken und Nachdenken verweigern würde. Aber ich bin da sehr zuversichtlich, dass sich der heilige Geist etwas einfallen lassen wird.
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Der Konflikt mit der Priesterbruderschaft Pius X.
1. Ablauf des Konflikts - kurz gefasst
Nach dem II. Vatikanischen Konzil (1963-1965) machte sich der angesehene französische Missionserzbischof Marcel Lefebvre zum Sprecher jener konservativen Katholiken, die die Reformen des Konzils nicht zu akzeptieren bereit waren. Gleichgesinnte französische Seminaristen in Rom baten Lefebvre , ein Seminar ausfindig zu machen, wo sie ihrem vorkonziliaren Glauben getreu ausgebildet und zu Priestern geweiht werden könnten. Der Erzbischof gründete deshalb mit Einverständnis und Unterstützung des Ortsbischofs von Lausanne, Genf und Freiburg die Priesterbruderschaft Pius X. und unterrichtete die Seminaristen selber im Seminar Econe. 1971 ließ Lefebvre verlauten, dass er das neue Messbuch, das gemäß den Beschlüssen des II. Vatikanischen Konzils überarbeitet worden war und die Landessprache vorsah, nicht akzeptieren werde. 1974 gab er in einer Grundsatzerklärung zu verstehen, dass die Priesterbruderschaft Pius X. die neue Messordnung wegen der darin enthaltenen neo-modernistischen und neo-protestantischen Tendenzen ablehne. Daraufhin wurde der Priesterbruderschaft ihr kanonischer Rechtsstatus entzogen und ihr Leiter Erzbischof Lefebvre von Papst Paul VI. suspendiert. Das störte Lefebvre wenig. Als dieser 1988 gegen die ausdrücklichen Weisungen Roms vier Bischofsweihen (an Bernard Tessier de Mallerais, Richard Williamson, Alfonso de Galarreta und Bernard Felley) vollzog, verfielen er und die geweihten Bischöfe automatisch der Exkommunikation. Das geschah unter dem Pontifikat Johannes Pauls II. Die Weihen waren zwar gültig, aber nicht rechtmäßig. Ein Schisma (Kirchenspaltung) war entstanden. - Das geistliche Oberhaupt der Priesterbruderschaft Erzbischof Lefebvre verstarb im Jahre 1991.
Der neue Papst Benedikt XVI., selber ein bekennender Konservativer, war bemüht, dieses Schisma zu beenden. Deshalb gestattete er 2008 allen Priestern wieder - ohne weitere Erlaubnis einholen zu müssen - die Messe im tridentinischen (also vorkonziliaren) Ritus zu feiern. Es sollte ein Gestus der Versöhnung gegenüber den Ultrakonservativen sein, die mit der neuen Liturgie ihre besonderen Schwierigkeiten hatten. Damit nicht genug: im Januar 2009 hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der vier unrechtmäßig geweihten Bischöfe auf. Offensichtlich verspricht sich der Papst von der Heimholung des konservativen Lagers eine Bereicherung und Verlebendigung der gegenwärtigen Kirche. (Zu dieser Annahme muss man kommen, wenn in dem jüngst veröffentlichen Brief des Papstes an die Bischöfe zu lesen ist: "Kann uns eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein, in der es 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitätsinstitute, 117 Brüder und 164 Schwestern gibt?").
Besonders ärgerlich war, dass zeitgleich mit der Rücknahme der Exkommunikation Bischof Williamson in seiner grenzenlosen geschichtlichen Unbedarftheit oder bewusst provozierenden Geschichtsfälschung den Holocaust öffentlich leugnete. Damit erhielt der Konflikt einen antisemitischen Akzent, der auch den Papst selber in ein antijudaistisches Licht zu rücken drohte. Hatte das Zugeständnis der tridentinischen Messform bereits den diskriminierenden Gebeten und Fürbitten gegen die Juden wieder Gültigkeit verschafft, so war die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaust-Leugners Williamson eine weitere Belastung des jüdisch-christlichen Verhältnisses. Dabei hätte man wissen müssen, dass die Erzkonservativen von Econe die Juden als Feinde der Kirche betrachten; denn genau so schrieb es Lefebvre 1985 in einem Brief an Papst Johannes Paul II.
2. Das Unveränderliche und das Veränderliche
Lefebvre und die Priesterbruderschaft Pius X. sind im wahrsten Sinne des Wortes Bewahrer des katholischen Glaubens. In seinem Manifest vom 21. Nov. 1974 sagt der Erzbischof: "Ich vertrete auf religiösem Gebiet keine persönliche Lehre. Mein ganzes Leben habe ich mich an das gehalten, was man mich auf der Schulbank des Französischen Seminars in Rom gelehrt hatte, nämlich die katholische Lehre, wie sie das Lehramt seit dem Tod des letzten Apostels , der das Ende der Offenbarung bedeutet, von Jahrhundert zu Jahrhundert überliefert hat." Eine so verstandene Treue zur Tradition und zur Bibel schleppt alles mit in die Zukunft, auch jenen Antisemitismus, den es bereits im Neuen Testament (vor allem im Johannesevangelium) gibt. Feinde bleiben Feinde, was sich christlich nennt und nicht katholisch ist, wird zur Irrlehre gestempelt, und andere Religionen sind des Teufels. In seinem offenen Brief an verwirrte Katholiken aus dem Jahre 1986 übt Lefebvre scharfe Kritik an der Position Papst Johannes Pauls II. im interreligiösen Dialog. Lefebvre lehnt sowohl den Besuch des Papstes in der römischen Synagoge ab, als auch Weltgebetstreffen in Assisi, wo sich auf Initiative des Papstes Vertreter verschiedener Religionen trafen, um dort für den Frieden in der Welt zu beten. Des Weiteren enthält der Brief eine Ablehnung der in der Konzilserklärung Nostra aetate postulierten Religionsfreiheit. Nach Lefebvre könne diese Religionsfreiheit nicht auf falsche Religionen angewendet werden. Man darf sicher sein, dass Lefebvre in vielen Dingen dem heutigen Papst aus dem Herzen spricht.
Während Lefebvre und die Priesterbruderschaft Pius X. das Alte unverfälscht tradieren möchten, hat es doch im letzten Konzil manche Veränderung gegeben. Aber was darf denn eigentlich geändert werden? Welche sind die Maßstäbe für Veränderungen? Wo liegt die Berechtigung für die Anpassung der Lehre und der Moral an die Erfordernisse der Zeit? Dynamik ist kein Thema der dogmatischen Theologie und auch nicht der Moral. Eine Theorie des Veränderlichen in der Kirche gibt es schlechthin nicht. Lefebvre nennt das Verlangen nach Anpassung Liberalismus; es gibt nichts Schlimmeres. "Der liberale Katholik ist eine Persönlichkeit mit zwei Gesichtern", sagt Lefebvre, "ständig in Widersprüche verwickelt. Er will katholisch bleiben, aber er ist besessen von dem Wunsch, der Welt zu gefallen."
3. Was sich ändern muss.
Papst Benedikt XVI. bringt in seinem Brief "an die lieben Brüder im bischöflichen Dienst" vom 12. März 2009 das Problem auf den Punkt, wenn er sagt: " Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahre 1962 einfrieren - das muss der Bruderschaft ganz klar sein. Aber manchen von denen, die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass das II. Vaticanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muss den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt." Die Behauptung, das Konzil enthalte den Glauben der Jahrhunderte, ist so nicht richtig. Gott sei Dank hat sich die Kirche in den Jahrhunderten in vielen Einstellungen gewandelt - so zum Beispiel gegenüber den Juden, gegenüber den anderen Religionen, gegenüber der Religionsfreiheit, gegenüber den Laien in der Kirche, ganz zu schweigen von den menschenverachtenden Praktiken gegenüber Frauen, die als Hexen verbrannt wurden, oder gegenüber Häretikern (die keine waren), die der Inquisition ausgeliefert wurden. Es hat immer wieder Reformkonzilien gegeben und Päpste mit Weitblick, die kirchliche Irrwege, päpstliche Fehlentscheidungen und Irrlehren korrigiert und damit die Kirche zukunftsfähig gemacht haben. Die Behauptung, der Glaube der Kirche sei über die Jahrhunderte gleich geblieben, ist falsch. Um das Wesentliche zu bewahren, wurden immer wieder Positionen aufgegeben, auch wenn sie von vielen für unverzichtbar gehalten wurden.
Was wir brauchen, ist ein Paradigma (Denkmuster) der Veränderbarkeit in der Kirche: in der Theologie, in der Moral, in der Pastoral usw; gemeint sind Grundsätze oder Leitlinien oder Kriterien, die zu beachten sind, wenn Fortentwicklungen unumgänglich werden. Kirche und Theologie bedürfen der Dynamik der Veränderung. Wichtig ist, dass diese Veränderung in Kirche und Theologie auch einen legitimen Platz bekommt. Eine unveränderbare / unveränderte Tradition gibt es - auch in der Kirche - nicht. Solange das Gegenteil behauptet wird, ist der nächste Konflikt vorprogrammiert: etwa wenn Frauen in der katholischen Kirche zu den Ämtern des Diakons oder Priesters zugelassen werden. Papst Johannes Paul II. hat dagegen noch dogmatische Gründe geltend gemacht, und Benedikt XVI. wird daran auch nichts ändern. Aber nach ihm kommen andere Päpste, die andere Entscheidungen treffen werden. Man darf gespannt sein, ob die Kirche dann besser vorbereitet ist auf solche dogmatischen (Um-)Brüche.
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Deutsche Kirche im Sparfieber
Deutsche Kirche im Sparfieber -
eine Momentaufnahme
Die 27 deutschen Diözesen plagt im Augenblick eine gemeinsame Krankheit: das Sparfieber. Das Geld reicht vorne und hinten nicht mehr, und nun wird gespart: Personal wird entlassen, kirchliche Immobilien (Pfarrhäuser, Pfarrheime etc) werden verhökert, sogar Kirchen werden verkauft oder abgerissen. Gemeinden werden zusammengelegt, und Seelsorge wird auf Sparflamme gemacht. Da kommt der notorische Priestermangel ganz gelegen. Er wird geradezu zum Maßstab für alle anderen Dienst gemacht, die man im Erzbistum Köln bezeichnenderweise "Folgedienste" nennt.
Woher der plötzliche Geldmangel? In den Jahren der Konjunkturschwäche sank das Steueraufkommen des Staates und damit auch die Einnahme der Kirchensteuer. Doch diese Schlappe ist längst überwunden. Zur Zeit sind die Kirchenkassen wieder voll wie ja auch die Kasse des Finanzministers. Der konjunkturelle Aufschwung macht´s möglich. Natürlich spricht man jetzt nicht über die vollen Kassen, wie man vorher über die leeren Kassen gesprochen hat. Was man in Kirchenkreisen nie laut beklagt hat, war der Finanzschwund, der durch die Millionen Kirchenaustritte bedingt war. Man sprach deshalb nicht laut darüber, weil der Kirchenaustritt möglicherweise Schule gemacht hätte, und außerdem wollte man nicht öffentlich zugeben, dass der Entzug des Geldes den kirchlichen Betrieb empfindlich trifft.
Trotz des konjunkturellen Aufschwungs wird bei Kirchens weiter gespart. Denn nun stellt man fest, dass die Gemeinden so rapide aussterben, dass die Kirche mit Kosten verursachenden Gebäuden und Immobilien (einschließlich Kirchen) absolut überversorgt ist. Nicht nur die Mitgliederzahlen der Gemeinden sind stark rückläufig, vor allem schrumpfen die Zahlen der Gottesdienstbesucher, so dass sich der Aufwand der Sonntagsmesse kostenmäßig nicht mehr für jede Kirche lohnt. Also werden "unwirtschaftliche" Gemeinden still gelegt. Die Kirchenverantwortlichen machen für den Mitgliederschwund vor allem den demografischen Faktor - also den Geburtenrückgang - verantwortlich. Über den Mitgliederschwund durch jahrelang hohe Kirchenaustrittszahlen redet man wie gesagt nicht öffentlich. Doch ist natürlich klar, dass Ausgetretene ihre Kinder auch nicht mehr der Kirche zuführen, also nicht mehr taufen lassen. Und die Altersstruktur der Priester ist so, dass in zehn Jahren zwei Drittel der Priester über 50 Jahre alt ist. Priesternachwuchs gibt es hingegen kaum.
Die Devise in der deutschen Kirche lautet nun: wir müssen mit dem vorhandenen Geld auskommen, wir müssen mit den vorhandenen Priestern auskommen, und Aufgabe wird es sein, die Priester und die Geldmittel so einzusetzen, dass eine flächendeckende Seelsorge gewährleistet bleibt. Die rigorose Umsetzung der diözesanen Sparpläne gibt indes immer noch genügend Spielraum für individuelle erz- / bischöfliche Kunst- und Medienhobbys. Die meisten Diözesen verbinden mit den neu angelegten Großraumstrukturen die Hoffnung, dass sich damit ein innerer Aufschwung verbindet. Man kann das im Internet bei den einzelnen Diözesen nachlesen. Manch eine Formulierung klingt so rührend, dass man zweifeln muss, ob der Verfasser selber daran glaubt. Auf jeden Fall werden die Namen der Bischöfe unserer Tage für immer mit der Zerschlagung der in 2000 Jahren gewachsenen Gemeindestrukturen verbunden sein.
Es gibt begründete Zweifel, ob die derzeitige Sparwut die Kirche in eine bessere Zukunft führt. Jede Bank weiß heute, dass Kundennähe ein entscheidender Faktor für Geschäftserfolg ist. Die Kirche glaubt, das Prinzip umkehren zu können. Jeder Supermarkt qualifiziert sein Verkaufspersonal für einen erfolgreichen Umgang mit den Kunden. Die Kirche dagegen macht inzwischen große Abstriche bei der geistigen Ausrüstung ihrer Kleriker (u. a. Verzicht auf Abitur), weil ihr die Bereitschaft zum Zölibat und die männliche Variante Mensch fürs Priester- und Diakonenamt wichtiger ist als eine gediegene fachliche Qualifikation. Ein gut geführter Industriebetrieb legt Wert darauf, seinen Mitarbeitern möglichst viel Eigenverantwortung zu übertragen. Der Priester und der Diakon haben dagegen blind zu gehorchen. Dann gelten sie als gut.
Schlimmer noch als die Sparwut sind jedoch die Denkverbote, die sich die Führungskräfte der deutschen Kirche selber auferlegen. Mit dem Argument, dass entscheidende Fragen (z. B. Zulassung zum Priesteramt, Liturgie, Glaubensfragen etc) nur in Rom entschieden werden könnten, dispensieren sie sich vom eigenen Nachdenken über und Engagement für Veränderung. Und so spart sich die Kirche zu Tode: keine finanziellen Investitionen, keine innovativen Ideen für eine Kirche und Seelsorge der Zukunft. Es gibt nicht einmal einen ernsthaften Versuch, entlaufene Kirchenmitglieder zurück zu gewinnen. Und die Präsenz der Kirche an Orten der Jugend wird immer seltener. - Die angebliche Armut der Kirche ist nicht nur eine finanzielle.
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Kirche und Zukunft
Liebe Freundinnen und Freunde!
Wenn man fast 40 Jahre im priesterlichen Dienst gestanden hat,
dann hat man ein Stück Kirchengeschichte hautnah miterlebt.
Damals im Jahre 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende.
Es war die Zeit eines ungeheuren Aufbruchs. Wir jungen Priester hatten
Freude am Glauben und an der Kirche. Wir blickten optimistisch in die
Zukunft und hofften, daß die Kirche nun endlich weltoffener wird
und daß die Ökumene sichtbarere Fortschritte machen würde.
Wir waren davon überzeugt, daß Funken von dieser Freude und von diesem
Optimismus auch auf die Gemeinden überspringen würden. Aber das ist - rückblickend -
nur sehr begrenzt gelungen. Warum im Laufe der Jahre so vieles im Sande verlaufen ist,
darüber mögen die Historiker sich Gedanken machen. Heute steht die Kirche vor neuen Herausforderungen,
und über die möchte ich jetzt sprechen. Drei Gedanken:
1. Die Kirche muß mit weniger Geld auskommen
Das ist eine Herausforderung, die wir vor Jahren so noch nicht für möglich gehalten hätten.
Dabei ist das keineswegs ein Sonderschicksal der kirchlichen Institution, vielmehr erleben wir
kirchlicherseits dasselbe, was alle Institutionen heute beklagen: die Kosten steigen, die Einnahmen
brechen weg, es muß gespart werden - auch in der Kirche. Das dürfte von ihrem theologischen Selbstverständnis
her eigentlich kein Unglück sein. Kirche soll ja Kirche der Armen sein; also keine reiche Kirche,
die die Armen füttert, sondern eine arme Kirche, in der die Armen zuhause sind und sich zuhause fühlen.
Eine Kirche mit weniger Geld ist zugleich eine Kirche mit weniger Macht. Denn Geld ist Macht in
dieser Welt, sogar in der Sozialarbeit - von Kindergärten angefangen über Schulen, Krankenhäuser,
Altenheimen, Pflegedienste bis hin zum Betreiben von Medien wie Presse, Rundfunk und Fernsehen.
Aber auch das ist kein Unglück, wenn die Kirche etwas Macht verliert; ist sie doch vom Selbstverständnis
ihres Stifters her eine Kirche der Schwachen und Machtlosen.
Es besteht allerdings der begründete Verdacht, daß das Geld vornehmlich eingespart wird bei
den ohnehin weniger verdienenden Bediensteten und vor allem bei denen, für die Kirche überhaupt
da ist: bei den Gemeinden und in der Seelsorge vor Ort. Prestigeobjekte hingegen werden auch weiterhin
fast ungekürzt gefördert. Beispiele gibt es zuhauf. Und was überhaupt vermißt wird, sind sichtbare
Zeichen der Einsparung bei den kirchlichen Spitzenverdienern selbst.
Gewiß, die Finanzen müssen in Ordnung gebracht werden. Doch das allein macht die Kirche noch
nicht fit für die Zukunft. Viel wesentlichere Herausforderungen stehen auf der Tagesordnung.
Die Tatsache, daß die Kirchen immer leerer werden, daß die Zahl der Kirchensteuerzahler abnimmt
und daß der Priesterberuf für junge Leute offensichtlich unattraktiv ist, sind Alarmzeichen, daß
die Kirche die Menschen nicht mehr erreicht. Wer das mit der allgemeinen Glaubenskrise abtut,
verweigert im Grunde das Nachdenken über notwendige Änderungen im System. Und damit komme
ich zur zweiten Herausforderung:
2. Die Kirche muß sich mit den Menschenrechten auseinandersetzen.
Gemeint sind jene Rechte, die - nach Brockhaus - jedem Menschen unabhängig von seiner Stellung
in Staat, Gesellschaft, Familie, Beruf, Religion und Kultur bereits dadurch zustehen, daß er
als Mensch geboren ist. Zu diesen Rechten gehören u.a. das Recht auf Eheschließung, das Recht
auf ein faires Verfahren vor Gericht, es darf keine Strafe ohne Gesetz geben, und verboten ist
die Diskriminierung von Minderheiten (etwa auf Grund der sexuellen Bestimmung). Verboten ist auch,
den Frauen Rechte vorzuenthalten, weil sie Frauen und nicht Männer sind. Sie merken schon, daß die
gegenwärtige Kirche in der Beachtung der Menschenrechte große Defizite aufweist. Die säkulare
Gesellschaft ist in diesen Fragen der Kirche klar überlegen. Kein Wunder, daß die Motivation
junger Menschen, in dieser Kirche als Priester zu arbeiten, gering ist. Wenn Sie so wollen:
der Priestermangel ist hausgemacht. Und was noch schlimmer ist: durch die Ideologisierung
eines veralteten Priesterbildes wird den verbleibenden (meist alten) Priestern immer mehr Arbeit
aufgehalst. Das ist unverantwortlich, ja unmenschlich.
Die Kirche zukunftsfähig machen heißt: überholte Strukturen entideologisieren, ändern,
den Erfordernissen der Zeit anpassen. Dazu bedarf es mutiger Bischöfe, die ihre eigenen
Einsichten dort mit Penetranz vortragen, wo - wie sie immer sagen - allein eine Änderung
herkommen kann. Diese Auseinandersetzung steht an und wird die Kirche neu beleben.
Und damit komme ich zur dritten Herausforderung, der die Kirche nicht länger ausweichen kann:
3. Die Ökumene wird zum Testfall der Wahrhaftigkeit werden.
Es ist beschämend, daß ein katholischer Bischof einen verdienten Priester und
gewissenhaften Theologieprofessor suspendiert, nur weil er engagierte evangelische
Christen zur Teilnahme an der Kommunion eingeladen hat. Jeder verantwortungsbewußte
Seelsorger tut das in seiner Gemeinde aus pastoraler Rücksicht. Aber keiner schreit auf,
wenn so ein Bischof seiner Macht freien Lauf läßt. Christen gehören zusammen, zusammen an
einen Tisch, auch an den eucharistischen. Wenn diese Art von Ökumene nicht bald selbstverständlich
wird, verspielen wir das letzte Stück Glaubwürdigkeit.
Ich meine Ökumene aber noch in einem umfassenderen Sinn. Zwar hält sich das Christentum
für die einzig wahre Religion und die katholische Kirche für die einzig wahre unter den
christlichen Kirchen. Aber Tatsache ist doch, daß es neben dem Christentum noch viele andere
Religionen gibt: die jüdische z.B., mit der uns das Alte Testament verbindet, und nicht nur
das Alte Testament, sondern Jesus selbst, der ja Jude war und sich selbst nie anders
verstanden hat. Da gibt es den Islam, der uns so nahe gerückt ist, daß er in unseren Städten
Moscheen baut und seine Anhänger zum Gebet ruft. Buddhisten leben mitten unter uns, meist unerkannt,
weil sie friedlich und tolerant sind. Fernöstliche Religionen kommen uns näher, je mehr die
Globalisierung voranschreitet. Klaus-Peter Jörns nennt in seinem Buch "Notwendige Abschiede"
alle Religionen Gedächtnisspuren der universalen Wahrnehmungsgeschichte Gottes in dieser Welt.
Eine großartige Idee. Auf vielfache Weise hat sich Gott offenbart. Und da muß man einfach
Abschied nehmen von der Vorstellung, nur der eigene Clan wäre von Gott erwählt; denn
Erwählung wird ja immer verstanden auf Kosten anderer, die eben nicht erwählt oder sogar verworfen sind.
Ökumene in diesem Sinn würde bedeuten: versuchen zu verstehen, was dem anderen heilig ist.
In diesem Zusammenhang ist mir ein eindrucksvolles Bild vor Augen aus der Berichterstattung
über die Flut in Süd-Asien. Ein Mann, der alles verloren hatte - sein Hab und Gut, seine Frau
und alle Kinder - er ging in die Moschee zum Gebet und sagte noch in die Kamera: das ist die
Medizin, die ich jetzt brauche zum Überleben.
In der Ökumene, die ich meine, geht es nicht um einen Wettstreit der Religionen, auch nicht
um Wahrheit, die es nie abstrakt und losgelöst von Menschen gibt, sondern um das Bemühen zu
verstehen. Das ist Teilhabe am Reichtum anderer, wie andere teilhaben sollen an unserem religiösen
Reichtum. Wenn die Religionen sich verstehen, kommen die Menschen in Scharen, weil sie Oasen des
Friedens und der Geborgenheit brauchen. Doch auf diesem Gebiet ist noch alles zu tun.
Ich komme zum Schluß. Gott ist immer größer, als wir ihn sein lassen wollen. Wir möchten einen Gott nur
für uns alleine haben, dabei ist er der Schöpfer und Vater aller. Das Christentum könnte mit allen
anderen Religionen eine gute Zukunft haben. Hoffentlich ergreifen alle diese Chance.
Amen.
(Diese Predigt hielt ich anläßlich meines 40jährigen Priesterjubiläums im Jahre 2005)
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Wer aus der Kirche austritt, dem ist sie das Geld nicht mehr wert!
Leserbrief zum Thema "Kirchen laufen die Gläubigen weg" Nr. 288 Seite 11 Mayen
Wer aus der Kirche austritt, dem ist sie das Geld nicht mehr wert!
Es gibt viele Gründe, weshalb Leute aus der Kirche austreten. Ein Grund liegt sicher in der pastoralen Strukturreform, wodurch Gemeinden zusammengelegt, Gottesdienste gestrichen, pastorale Stellen gekürzt und trotz reichlichen Kirchensteueraufkommens in den letzten fetten Jahren auf Deuvel komm raus gespart wird. Der Rückgang der Gläubigenzahl wurde offiziell bislang mit dem demographischen Faktor begründet, der Schwund durch Kirchenaustritte verschwiegen. Viele kleine Gemeinden werden heute behandelt, als existierten sie gar nicht mehr. Kein Wunder, dass manchem der Dienst (Service) der Kirche das Geld (Kirchensteuer) nicht mehr wert ist.
Andere Gründe für den Kirchenaustritt liegen in der Reformunfähigkeit der von Rom gesteuerten Theologie begründet. Frauen haben bis heute (in der katholischen Kirche) kein Recht, ein geistliches Amt zu übernehmen, nicht einmal das Diakonenamt. Geschiedene, die wieder geheiratet haben, haben in der Kirche alle Ehrenrechte verloren. Sie dürfen (müssen!) nur noch Kirchensteuer zahlen. Theologen, die an den Universitäten aufmucken, werden kalt abserviert - gefragt und karrieregefördert ist nur der aalglatte Hoftheologe. Homosexuelle Menschen, die offen zu ihrer Veranlagung stehen, werden im kirchlichen Dienst ausgegrenzt. Der Zölibat (Ehelosigkeit des Priesters) wird verteidigt wie eine heilige Kuh, obwohl es sich um eine Einrichtung menschlichen (und nicht göttlichen) Rechts handelt. Dass im Jahre 2008 für 27 Diözesen nur 95 Neupriester geweiht wurden, bewegt keinen zum Umdenken. Eine Ökumene, die die geistlichen Reserven aller Christgläubigen bündelt, ist nicht nur nicht gefragt, sondern verboten. Traditionalisten werden unter dem derzeitigen Papst gefördert wie selten zuvor in der Geschichte. Die Hoffnungen, die vom II. Vatikanischen Konzil ausgegangen sind, sind längst wieder eingesammelt worden.
Was wir brauchen: Wir brauchen eine moderne Theologie und eine Sprache des Glaubens, die heutig und verständlich ist. Vor allem brauchen wir ansprechende (und durchaus anspruchsvolle) Gottesdienste und begeisternde Verkünder des Glaubens. Das durch die pastorale Strukturreform immer größer werdende Arbeitspensum der Priester wirkt hier kontraproduktiv. Die kirchliche Moral sollte sich durchaus an den erklärten Menschenrechten, die heute fast überall Anerkennung finden, orientieren. Auf keinen Fall darf man die ach so bösen, liberalen und ungläubigen Menschen für die Krise der Kirche verantwortlich machen. Ein Bedürfnis nach Spiritualität ist vorhanden, aber die Kirche vermag es nicht aufzugreifen. Die Fehler liegen im System!
Wilhelm Weber, Pfr. i. R.
Mayen
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Zukunftsperspektiven der kleinen Gemeinden heute
Liebe Freundinnen und Freunde hier in St. Christophorus!
Als erstes sage ich Ihnen allen herzlichen Glückwunsch zum 50jährigen Bestehen dieser Gemeinde. Diesen Glückwunsch sage ich insbesondere aber auch den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die hier z. Zt. die pastorale Verantwortung haben. Für mich ist es eine Ehre und Freude zugleich, dass Sie mich eingeladen haben, in diesem Festgottesdienst zu predigen; bin ich doch Ende der 70er Jahre hier selber mal für drei Jahre Pastor gewesen - als Militärpfarrer. Da ich die Sorgen und Probleme insbesondere der kleinen Gemeinden kenne, möchte ich hier einige Gedanken vortragen über die Zukunftsperspektiven der kleinen Gemeinden heute.
"Zukunft heute" und die kleinen Gemeinden
Die pastorale Strukturreform, die im Erzbistum Köln "Zukunft heute" genannt wird, gibt den kleinen Gemeinden eigentlich kaum noch Perspektiven für die Zukunft. "Zukunft heute" ist ein Sparprogramm, wie der Herr Kardinal in seinem Hirtenbrief Ende September selber gesagt hat. Gespart wird natürlich am liebsten beim Personal. Und da kommt der Priestermangel dem Sparzwang sehr gelegen. Alle anderen Dienste werden einfach als nachgeordnet qualifiziert, und so verschwinden mit der Priesterstelle zwangsläufig das Pfarrbüro und auch die Küster- und Organistenstelle. Die Kindergärten schrumpfen automatisch mit der Zahl der katholischen Kinder. Wenn eine Gemeinde das alles einfach so hin nimmt, ist sie bald nicht mehr da. Dann ist die Kirche verwaist, das Pfarrbüro geschlossen, der Kindergarten aufgelöst, und die Gemeinde verliert ihre Selbständigkeit. Wenn sie Pech hat, wird ihre Kirche verkauft.
Dass das alles hier in St. Christophorus so noch nicht eingetreten ist, das spricht für die Gemeinde, insbesondere für den unermüdlichen Einsatz der Ehrenamtlichen und des Pastoralteams Ihres Pfarrverbandes. Diesem Team gehört ja auch Paul Meisenberg an, der jetzt seit 27 Jahren der Seelsorger vor Ort ist und damit die Beständigkeit in Person. Das war und ist gut für die Gemeinde und hat sie bisher vor dem Untergang bewahrt.
"Zukunft heute" hat keine Zukunft; denn es geht bei diesem Programm nur ums Einsparen von Geld, nicht aber um das Wohl der Gläubigen. Das aber muss das höchste Gebot bleiben. Darum gilt es zu überlegen: Was ist zu tun, um dem Kahlschlag der herkömmlichen Gemeindestrukturen zu begegnen?
Überlebensstrategien der kleinen Gemeinden
Es geht in der Tat ums Überleben. Dafür ist ganz wichtig, dass die kleinen Gemeinden ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. St. Christophorus z.B. ist zwar eine kleine Gemeinde, aber mit ihren über 1000 Katholiken immerhin um 50% größer als die Kirchengemeinde der Hohen Domkirche in Köln. Und die Katholiken in Lichtscheid sind nicht weniger bedeutsam als die der Kölner Innenstadt. "Zukunft heute" verfolgt nun das Ziel, kleinere Gemeinden aufzulösen (natürlich nicht die Domgemeinde) und in größeren Gemeinden zusammenzufassen. Das aber ist gar nicht so einfach. Denn eine Kirchengemeinde auflösen kann nur der eigene Kirchenvorstand selber durch einen entsprechenden Beschluss. Soll also eine Strukturveränderung stattfinden, muss verhandelt werden. Und wer verhandelt, darf auch mal nein sagen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Schließlich geht es um einen fairen Interessenausgleich aller Beteiligten. Gehorsames Einschwenken aus Bequemlichkeit, Angst oder Resignation entspricht nicht dem christlichen Menschenbild.
Erfahrungsgemäß sind kleine Gemeinden viel lebendiger und halten mehr zusammen als das in riesigen Kirchengemeinden der Fall ist. In meinen Augen wäre es völlig falsch und pastoral unverantwortlich, die lebendigen kleinen Gemeinden zu vernachlässigen oder gar aufzulösen, um sie dann mit anderen zusammen in einer Mammutgemeinde aufgehen zu lassen. Das wäre geistliches Potenzial verschleudert! St. Christophorus ist eine lebendige Gemeinde, und hier gehört immer ein Seelsorger hin. Man kann nicht auf der einen Seite den Priestermangel beklagen und auf der anderen Seite ihn zum Maßstab für "Zukunft heute" machen. Wenn in Gemeinden, wo der Glaube lebendig ist, keine Eucharistie mehr gefeiert werden kann, dann dürfen Themen wie "Frau im Priester- oder Diakonenamt" oder "Verheiratete am Altar" kein Tabu mehr sein. Wenn man Gläubigen die Heimat nimmt, dann suchen sie sich eine neue - aber meist außerhalb der Kirche.
Zur Überlebensstrategie in schweren Zeiten gehört auch die Selbstorganisation. Was meine ich damit? Eine lebendige Gemeinde tut selbst etwas fürs Überleben. Und Sie, meine lieben Christen von St. Christophorus, sind längst dabei, indem Sie einen Ruhestandsgeistlichen für die nötigsten sakramentalen Dienste gewonnen haben, aber selber dafür einstehen, dass auch Gemeindeleben stattfindet. Es muss nicht der Pastor Jugendarbeit machen, das können andere auch (manchmal sogar besser). Es muss nicht jede Gemeindeaktivität vom Pastor ausgehen, das kann Gemeinde selber organisieren. Die Nachbarschaftshilfe unter jungen Familien muss so selbstverständlich sein, wie die Sorge um Alte und Kranke in der Gemeinde Aufgabe aller ist. Selbstorganisation ist hier das Stichwort, das eine sehr weite ökumenische Dimension annehmen kann. Denn viele Aufgaben - besonders im sozialen Bereich - kann man vor Ort mit den Betroffenen gemeinsam angehen. Das trägt auch zur Integration jener bei, die hier fremd waren oder noch fremd sind. Gesellschaftliche Integrationsarbeit ist nämlich zugleich Integration der Kirche in eine veränderte Gesellschaft.
In der heutigen Situation ist außerdem Kreativität gefragt. Kreativität sucht und findet neue Wege, mahnt Veränderungen an, probiert aus und macht einfach mal. Der französische Schriftsteller Jean Cocteau hat einmal gesagt: "Es gibt keine schöpferische Tätigkeit ohne Ungehorsam" . Da ist was dran. Es ist in der Kirche wie in einer Familie, wo die Kinder erwachsen werden. Solange diese tun, was die Eltern sagen und wollen, gelten sie als wohlerzogen und brav. Aber irgendwann ist Schluss mit Bravsein. Dann überschreiten sie die elterlichen Vorgaben und verantworten eigene Normen und verfolgen eigene Ziele. Gute Eltern begreifen, dass das richtig, wichtig und notwendig ist. Mündig werden ist nicht selten Konflikt beladen. So ist es auch in der Kirche. Die meisten Laien haben den Status des unmündigen braven Kirchenkindes längst hinter sich gelassen - zum Leidwesen vieler Kleriker. Laien möchten Verantwortung übernehmen - vor allem die Frauen - auch in den Bereichen, die traditionell dem Klerus vorbehalten waren. Das führt notwendig zu Konflikten mit den bestehenden Autoritäten. Aber das muss so sein. Eine Kirche, die sich nicht verändert, stirbt.
Viele Reformen sind notwendig
Reformen sind notwendig, auch ein Sparprogramm, wie es "Zukunft heute" darstellt. Das finanzielle Desaster, aus dem das Sparprogramm herausführen soll, ist schon seit langem absehbar. Denn das Schrumpfen der Gemeinden und damit der finanziellen Ressourcen liegt nicht nur im Kindermangel begründet, sondern auch in den dauerhaft hohen Kirchenaustrittszahlen. Diese wurden in der Vergangenheit bewusst für unbedeutend erklärt, dabei liegen sie im Erzbistum Köln immer noch jährlich knapp unter 10.000. Doch wer meint, die Kirche allein mit einem Sparprogramm zukunftsfit machen zu können, irrt.
Die Kirche braucht viele Reformen. Sie muss sich ingesamt verändern. Sie braucht eine Entrümpelung der Theologie, eine neue Sprache der Verkündigung, eine neue Sicht des Menschen, der Frau insbesondere, der Sexualität, des Zusammenlebens der Menschen, der Bewertung der Gläubigen jenseits der katholischen Kirche, der Laien in der Kirche und deren Aufgaben und vieles mehr. -
Ich denke: Sie in St. Christophorus werden Ihren Weg gehen; Sie werden zeigen, welches Potenzial in einer kleinen Gemeinde steckt; Sie werden offen sein für Reformen, die die Kirche wirklich weiter bringen; Sie werden Ihre Dankbarkeit und Ihre Hoffnung in frohen Gottesdiensten feiern; Sie werden weiterhin und noch mehr eine selbstbewusste, aktive und einfallsreiche Gemeinde sein; und Sie werden es nicht zulassen, dass das Gotteshaus geschlossen wird, weil es bei Gottesdiensten aus den Nähten platzt. Sie sind auf dem richtigen Weg. Gehen Sie ihn weiter in der Kraft Gottes - gemäß dem Psalmwort (28,7): "Der Herr ist meine Kraft und mein Schild, mein Herz vertraut auf ihn."
Amen.
Festpredigt zum 50jährigen Bestehen der Kirchengemeinde St. Christophorus in Wuppertal-Lichtscheid am 26.Nov. 2006
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