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Forum www.religion-und-spiritualitaet.de    Religion und Spiritualität    Kirche  ›  Kirche und Zukunft Moderatoren: Weber
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Kirche und Zukunft  Dieses Thema wurde bisher 1.035 mal gelesen. Thema ausdrucken Thema ausdrucken
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Weber
14 Mai 2005, 23:31 Einem Moderator melden Einem Moderator melden
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Beiträge: 210
Liebe Freundinnen und Freunde!
Wenn man fast 40 Jahre im priesterlichen Dienst gestanden hat, dann hat man ein Stück Kirchengeschichte hautnah miterlebt. Damals im Jahre 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Es war die Zeit eines ungeheuren Aufbruchs. Wir jungen Priester hatten Freude am Glauben und an der Kirche. Wir blickten optimistisch in die Zukunft und hofften, daß die Kirche nun endlich weltoffener wird und daß die Ökumene sichtbarere Fortschritte machen würde. Wir waren davon überzeugt, daß Funken von dieser Freude und von diesem Optimismus auch auf die Gemeinden überspringen würden. Aber das ist - rückblickend - nur sehr begrenzt gelungen. Warum im Laufe der Jahre  so vieles im Sande verlaufen ist, darüber mögen die Historiker sich Gedanken machen. Heute steht die Kirche vor neuen Herausforderungen, und über die möchte ich jetzt sprechen. Drei Gedanken:

1. Die Kirche muß mit weniger Geld auskommen

Das ist eine Herausforderung, die wir vor Jahren so noch nicht  für möglich gehalten hätten. Dabei ist das keineswegs ein Sonderschicksal der kirchlichen Institution, vielmehr erleben wir kirchlicherseits dasselbe, was alle Institutionen heute beklagen: die Kosten steigen, die Einnahmen brechen weg, es muß gespart werden - auch in der Kirche. Das dürfte von ihrem theologischen Selbstverständnis her eigentlich kein Unglück sein. Kirche soll ja Kirche der Armen sein; also keine reiche Kirche, die die Armen füttert, sondern eine arme Kirche, in der die Armen zuhause sind und sich zuhause fühlen.

Eine Kirche mit weniger Geld ist zugleich eine Kirche mit weniger Macht. Denn Geld ist Macht in dieser Welt, sogar in der Sozialarbeit - von Kindergärten angefangen über Schulen, Krankenhäuser, Altenheimen, Pflegedienste bis hin zum Betreiben von Medien wie Presse, Rundfunk und Fernsehen. Aber auch das ist kein Unglück, wenn die Kirche etwas Macht verliert; ist sie doch vom Selbstverständnis ihres Stifters her eine Kirche der Schwachen und Machtlosen.

Es besteht allerdings der begründete Verdacht, daß das Geld vornehmlich eingespart wird bei den ohnehin weniger verdienenden Bediensteten und vor allem bei denen, für die Kirche überhaupt da ist: bei den Gemeinden und in der Seelsorge vor Ort. Prestigeobjekte hingegen werden auch weiterhin fast ungekürzt gefördert. Beispiele gibt es zuhauf. Und was überhaupt vermißt wird, sind sichtbare Zeichen der Einsparung bei den kirchlichen Spitzenverdienern selbst.

Gewiß, die Finanzen müssen in Ordnung gebracht werden. Doch das allein macht die Kirche noch nicht fit für die Zukunft. Viel wesentlichere Herausforderungen stehen auf der Tagesordnung. Die Tatsache, daß die Kirchen immer leerer werden, daß die Zahl der Kirchensteuerzahler abnimmt und daß der Priesterberuf für junge Leute offensichtlich unattraktiv ist, sind Alarmzeichen, daß die Kirche die Menschen nicht mehr erreicht. Wer das mit der allgemeinen Glaubenskrise abtut, verweigert im Grunde das Nachdenken über notwendige Änderungen im System. Und damit komme ich zur zweiten Herausforderung:

2. Die Kirche muß sich mit den Menschenrechten auseinandersetzen.

Gemeint sind jene Rechte, die - nach Brockhaus - jedem Menschen unabhängig von seiner Stellung in Staat, Gesellschaft, Familie, Beruf, Religion und Kultur bereits dadurch zustehen, daß er als Mensch geboren ist. Zu diesen Rechten gehören u.a. das Recht auf Eheschließung, das Recht auf ein faires Verfahren vor Gericht, es darf keine Strafe ohne Gesetz geben, und verboten ist die Diskriminierung von Minderheiten (etwa auf Grund der sexuellen Bestimmung). Verboten ist auch, den Frauen Rechte vorzuenthalten, weil sie Frauen und nicht Männer sind. Sie merken schon, daß die gegenwärtige Kirche in der Beachtung der Menschenrechte große Defizite aufweist. Die säkulare Gesellschaft ist in diesen Fragen der Kirche klar überlegen. Kein Wunder, daß die Motivation junger Menschen, in dieser Kirche als Priester zu arbeiten, gering ist. Wenn Sie so wollen: der Priestermangel ist hausgemacht. Und was noch schlimmer ist: durch die Ideologisierung eines veralteten Priesterbildes wird den verbleibenden (meist alten) Priestern immer mehr Arbeit aufgehalst. Das ist unverantwortlich, ja unmenschlich.

Die Kirche zukunftsfähig machen heißt: überholte Strukturen entideologisieren, ändern, den Erfordernissen der Zeit anpassen. Dazu bedarf es mutiger Bischöfe, die ihre eigenen Einsichten dort mit Penetranz vortragen, wo - wie sie immer sagen - allein eine Änderung herkommen kann. Diese Auseinandersetzung steht an und wird die Kirche neu beleben.

Und damit komme ich zur dritten Herausforderung, der die Kirche nicht länger ausweichen kann:

3. Die Ökumene wird zum Testfall der Wahrhaftigkeit werden.

Es ist beschämend, daß ein katholischer Bischof einen verdienten Priester und gewissenhaften Theologieprofessor suspendiert, nur weil er engagierte evangelische Christen zur Teilnahme an der Kommunion eingeladen hat. Jeder verantwortungsbewußte Seelsorger tut das in seiner Gemeinde aus pastoraler Rücksicht. Aber keiner schreit auf, wenn so ein Bischof seiner Macht freien Lauf läßt. Christen gehören zusammen, zusammen an einen Tisch, auch an den eucharistischen. Wenn diese Art von Ökumene nicht bald selbstverständlich wird, verspielen wir das letzte Stück Glaubwürdigkeit.

Ich meine Ökumene aber noch in einem umfassenderen Sinn. Zwar hält sich das Christentum für die einzig wahre Religion und die katholische Kirche für die einzig wahre unter den christlichen Kirchen. Aber Tatsache ist doch, daß es neben dem Christentum noch viele andere Religionen gibt: die jüdische z.B., mit der uns das Alte Testament verbindet, und nicht nur das Alte Testament, sondern Jesus selbst, der ja Jude war und sich selbst nie anders verstanden hat. Da gibt es den Islam, der uns so nahe gerückt ist, daß er in unseren Städten Moscheen baut und seine Anhänger zum Gebet ruft. Buddhisten leben mitten unter uns, meist unerkannt, weil sie friedlich und tolerant sind. Fernöstliche Religionen kommen uns näher, je mehr die Globalisierung voranschreitet. Klaus-Peter Jörns nennt in seinem Buch "Notwendige Abschiede" alle Religionen Gedächtnisspuren der universalen Wahrnehmungsgeschichte Gottes in dieser Welt. Eine großartige Idee. Auf vielfache Weise hat sich Gott offenbart. Und da muß man einfach Abschied nehmen von der Vorstellung, nur der eigene Clan wäre von Gott erwählt; denn Erwählung wird ja immer verstanden auf Kosten anderer, die eben nicht erwählt oder sogar verworfen sind.

Ökumene in diesem Sinn würde bedeuten: versuchen zu verstehen, was dem anderen heilig ist. In diesem Zusammenhang ist mir ein eindrucksvolles Bild vor Augen aus der Berichterstattung über die Flut in Süd-Asien. Ein Mann, der alles verloren hatte - sein Hab und Gut, seine Frau und alle Kinder - er ging in die Moschee zum Gebet und sagte noch in die Kamera: das ist die Medizin, die ich jetzt brauche zum Überleben.

In der Ökumene, die ich meine, geht es nicht um einen Wettstreit der Religionen, auch nicht um Wahrheit, die es nie abstrakt und losgelöst von Menschen gibt, sondern um das Bemühen zu verstehen. Das ist Teilhabe am Reichtum anderer, wie andere teilhaben sollen an unserem religiösen Reichtum. Wenn die Religionen sich verstehen, kommen die Menschen in Scharen, weil sie Oasen des Friedens und der Geborgenheit brauchen. Doch auf diesem Gebiet ist noch alles zu tun.

Ich komme zum Schluß. Gott ist immer größer, als wir ihn sein lassen wollen. Wir möchten einen Gott nur für uns alleine haben, dabei ist er der Schöpfer und Vater aller. Das Christentum könnte mit allen anderen Religionen eine gute Zukunft haben. Hoffentlich ergreifen alle diese Chance.

Amen.

(Diese Predigt hielt ich anläßlich meines 40jährigen Priesterjubiläums)
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