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Forum www.religion-und-spiritualitaet.de    Religion und Spiritualität    Kirche  ›  Der Konflikt mit der Priesterbruderschaft Pius X. Moderatoren: Weber
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Der Konflikt mit der Priesterbruderschaft Pius X.  Dieses Thema wurde bisher 2.007 mal gelesen. Thema ausdrucken Thema ausdrucken
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Weber
12 März 2009, 22:05 Einem Moderator melden Einem Moderator melden
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Der Konflikt mit der Priesterbruderschaft Pius X.

1.     Ablauf des Konflikts – kurz gefasst
Nach dem II. Vatikanischen Konzil (1963-1965) machte sich der angesehene französische Missionserzbischof Marcel Lefebvre zum Sprecher jener konservativen Katholiken, die die Reformen des Konzils nicht zu akzeptieren bereit waren. Gleichgesinnte französische Seminaristen in Rom baten Lefebvre , ein Seminar ausfindig zu machen, wo sie ihrem vorkonziliaren Glauben getreu ausgebildet und zu Priestern geweiht werden könnten. Der Erzbischof gründete deshalb mit Einverständnis und Unterstützung des Ortsbischofs von Lausanne, Genf und Freiburg die Priesterbruderschaft Pius X. und unterrichtete die Seminaristen selber im Seminar Econe. 1971 ließ Lefebvre verlauten, dass er das neue Messbuch, das gemäß den Beschlüssen des II. Vatikanischen Konzils überarbeitet worden war und die Landessprache vorsah, nicht akzeptieren werde. 1974 gab er in einer Grundsatzerklärung zu verstehen, dass die Priesterbruderschaft Pius X. die neue Messordnung wegen der darin enthaltenen neo-modernistischen und neo-protestantischen Tendenzen ablehne. Daraufhin wurde der Priesterbruderschaft ihr kanonischer Rechtsstatus entzogen und ihr Leiter Erzbischof Lefebvre von Papst Paul VI. suspendiert. Das störte Lefebvre wenig. Als dieser 1988 gegen die ausdrücklichen Weisungen Roms vier Bischofsweihen (an Bernard Tessier de Mallerais, Richard Williamson, Alfonso de Galarreta und Bernard Felley) vollzog, verfielen er und die geweihten Bischöfe automatisch der Exkommunikation. Das geschah unter dem Pontifikat Johannes Pauls II. Die Weihen waren zwar gültig, aber nicht rechtmäßig. Ein Schisma (Kirchenspaltung) war entstanden. – Das geistliche Oberhaupt der Priesterbruderschaft Erzbischof Lefebvre verstarb im Jahre 1991.

Der neue Papst Benedikt XVI., selber ein bekennender Konservativer, war bemüht, dieses Schisma zu beenden. Deshalb gestattete er 2008 allen Priestern wieder – ohne weitere Erlaubnis einholen zu müssen – die Messe im tridentinischen (also vorkonziliaren) Ritus zu feiern. Es sollte ein Gestus der Versöhnung gegenüber den Ultrakonservativen sein, die mit der neuen Liturgie ihre besonderen Schwierigkeiten hatten. Damit nicht genug: im Januar 2009 hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der vier unrechtmäßig geweihten Bischöfe auf. Offensichtlich verspricht sich der Papst von der Heimholung des konservativen Lagers eine Bereicherung und Verlebendigung der gegenwärtigen Kirche. (Zu dieser Annahme muss man kommen, wenn in dem jüngst veröffentlichen Brief des Papstes an die Bischöfe zu lesen ist: „Kann uns eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein, in der es 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitätsinstitute, 117 Brüder und 164 Schwestern gibt?“).

Besonders ärgerlich war, dass zeitgleich mit der Rücknahme der Exkommunikation Bischof Williamson in seiner grenzenlosen geschichtlichen Unbedarftheit oder bewusst provozierenden Geschichtsfälschung den Holocaust öffentlich leugnete. Damit erhielt der Konflikt einen antisemitischen Akzent, der auch den Papst selber in ein antijudaistisches Licht zu rücken drohte. Hatte das Zugeständnis der tridentinischen Messform bereits den diskriminierenden Gebeten und Fürbitten gegen die Juden wieder Gültigkeit verschafft, so war die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaust-Leugners Williamson eine weitere Belastung des jüdisch-christlichen Verhältnisses. Dabei hätte man wissen müssen, dass die Erzkonservativen von Econe die Juden als Feinde der Kirche betrachten; denn genau so schrieb es Lefebvre 1985 in einem Brief an Papst Johannes Paul II.

2.     Das Unveränderliche und das Veränderliche
Lefebvre und die Priesterbruderschaft Pius X. sind im wahrsten Sinne des Wortes Bewahrer des katholischen Glaubens. In seinem Manifest vom 21. Nov. 1974 sagt der Erzbischof: „Ich vertrete auf religiösem Gebiet keine persönliche Lehre. Mein ganzes Leben habe ich mich an das gehalten, was man mich auf der Schulbank des Französischen Seminars in Rom gelehrt hatte, nämlich die katholische Lehre, wie sie das Lehramt seit dem Tod des letzten Apostels , der das Ende der Offenbarung bedeutet, von Jahrhundert zu Jahrhundert überliefert hat.“ Eine so verstandene Treue zur Tradition und zur Bibel schleppt alles mit in die Zukunft, auch jenen Antisemitismus, den es bereits im Neuen Testament (vor allem im Johannesevangelium) gibt. Feinde bleiben Feinde, was sich christlich nennt und nicht katholisch ist, wird zur Irrlehre gestempelt, und andere Religionen sind des Teufels. In seinem offenen Brief an verwirrte Katholiken aus dem Jahre 1986 übt Lefebvre scharfe Kritik an der Position Papst Johannes Pauls II. im interreligiösen Dialog. Lefebvre lehnt sowohl den Besuch des Papstes in der römischen Synagoge ab, als auch Weltgebetstreffen in Assisi, wo sich auf Initiative des Papstes Vertreter verschiedener Religionen trafen, um dort für den Frieden in der Welt zu beten. Des Weiteren enthält der Brief eine Ablehnung der in der Konzilserklärung Nostra aetate postulierten Religionsfreiheit. Nach Lefebvre könne diese Religionsfreiheit nicht auf falsche Religionen angewendet werden. Man darf sicher sein, dass Lefebvre in vielen Dingen dem heutigen Papst aus dem Herzen spricht.

Während Lefebvre und die Priesterbruderschaft Pius X. das Alte unverfälscht tradieren möchten, hat es doch im letzten Konzil manche Veränderung gegeben. Aber was darf denn eigentlich geändert werden? Welche sind die Maßstäbe für Veränderungen? Wo liegt die Berechtigung für die Anpassung der Lehre und der Moral an die Erfordernisse der Zeit? Dynamik ist kein Thema der dogmatischen Theologie und auch nicht der Moral. Eine Theorie des Veränderlichen in der Kirche gibt es schlechthin nicht. Lefebvre nennt das Verlangen nach Anpassung Liberalismus; es gibt nichts Schlimmeres. „Der liberale Katholik ist eine Persönlichkeit mit zwei Gesichtern“, sagt Lefebvre, „ständig in Widersprüche verwickelt. Er will katholisch bleiben, aber er ist besessen von dem Wunsch, der Welt zu gefallen.“

3.     Was sich ändern muss.
Papst Benedikt XVI. bringt in seinem Brief „an die lieben Brüder im bischöflichen Dienst“ vom 12. März 2009 das Problem auf den Punkt, wenn er sagt: „Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahre 1962 einfrieren – das muss der Bruderschaft ganz klar sein. Aber manchen von denen, die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass das II. Vaticanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muss den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.“ Die Behauptung, das Konzil enthalte den Glauben der Jahrhunderte, ist so nicht richtig. Gott sei Dank hat sich die Kirche in den Jahrhunderten in vielen Einstellungen gewandelt – so zum Beispiel gegenüber den Juden, gegenüber den anderen Religionen, gegenüber der Religionsfreiheit, gegenüber den Laien in der Kirche, ganz zu schweigen von den menschenverachtenden Praktiken gegenüber Frauen, die als Hexen verbrannt wurden, oder gegenüber Häretikern (die keine waren), die der Inquisition ausgeliefert wurden. Es hat immer wieder Reformkonzilien gegeben und Päpste mit Weitblick, die kirchliche Irrwege, päpstliche Fehlentscheidungen und Irrlehren korrigiert und damit die Kirche zukunftsfähig gemacht haben. Die Behauptung, der Glaube der Kirche sei über die Jahrhunderte gleich geblieben, ist falsch. Um das Wesentliche zu bewahren, wurden immer wieder Positionen aufgegeben, auch wenn sie von vielen für unverzichtbar gehalten wurden.

Was wir brauchen, ist ein Paradigma (Denkmuster) der Veränderbarkeit in der Kirche: in der Theologie, in der Moral, in der Pastoral usw; gemeint sind Grundsätze oder Leitlinien oder Kriterien, die zu beachten sind, wenn Fortentwicklungen unumgänglich werden. Kirche und Theologie bedürfen der Dynamik der Veränderung. Wichtig ist, dass diese Veränderung in Kirche und Theologie auch einen legitimen Platz bekommt. Eine unveränderbare / unveränderte Tradition gibt es – auch in der Kirche – nicht. Solange das Gegenteil behauptet wird, ist der nächste Konflikt vorprogrammiert: etwa wenn Frauen in der katholischen Kirche zu den Ämtern des Diakons oder Priesters zugelassen werden. Papst Johannes Paul II. hat dagegen noch dogmatische Gründe geltend gemacht, und Benedikt XVI. wird daran auch nichts ändern. Aber nach ihm kommen andere Päpste, die andere Entscheidungen treffen werden. Man darf gespannt sein, ob die Kirche dann besser vorbereitet ist auf solche dogmatischen (Um-)Brüche.
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