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  <title>Bücher über Religion</title>
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   <title>Weß, Paul, Glaube aus Erfahrung und Deutung.</title>
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   <description><![CDATA[Weß, Paul, Glaube aus Erfahrung und Deutung. Christliche Praxis statt Fundamentalismus<br /><br /><br /><span style="text-decoration: underline;">Kritik:</span><br /><br />Wer die Glaubenslehre seiner christlichen Religion ernst nimmt und bereit ist, die Risiken des freien Denkens auf sich zu nehmen, wird schwerlich der Frage ausweichen: „Woher wissen wir das alles?“ Wenn er diese Frage an Theologen richtet, wird die Antwort – kurz gefasst – etwa so lauten: „Unser christlicher Glaube beruht auf göttlicher Offenbarung, denn in Jesus Christus hat Gott selbst zu uns gesprochen.“ Dass eine derartige Begründung des „Glaubens“ das Schulbeispiel eines Zirkelschlusses (circulus vitiosus) sein könnte, das nach den Gesetzen der Logik ungültig ist, wird im Geräusch des theologischen Betriebes nur zu leicht übersehen. Eine Begründung des Glaubens damit, dass man sich auf die Gewissheit des Glaubens beruft, findet sich freilich nicht nur in der Argumentation fundamentalistischer Sekten. Es bleibt ein absolut unausweichliches Problem aller Religionen, die sich auf göttliche Offenbarungen berufen, denn dass wir irgendwo „Gottes Wort“ begegnen, können wir nur aus dieser Offenbarung selber erfahren, es ist also eine Behauptung, die für die „Gläubigen“ sich selbst beweist. Eine derartige Begründung des christlichen Glaubens genügt allerdings nicht mehr für moderne Menschen, die durch die Schule der Aufklärung gegangen sind. Gerade solche Menschen hatte Paul Weß (emeritierter Dozent für Pastoraltheologie auf der Universität Innsbruck) im Auge, als er sein Buch schrieb; denn im Hintergrund seiner Gedanken stehen seine Erfahrungen, die er in einer europäischen Großstadt, in Wien, während langer Jahre in der Seelsorge sammeln konnte.<br /><br />Sein Buch (eine Sammlung von Beiträgen aus den letzten Jahren) ist entstanden aus der Suche nach einem nicht-fundamentalistischen Zugang zum christlichen Glauben, sowie aus dem Bemühen, daraus die nötigen Folgerungen für eine Reform der Kirche und ihre Verkündigung an religionskritische Menschen zu ziehen. Dies hatte sich eigentlich auch das 2. Vatikanische Konzil zum Ziel gesetzt, konnte es aber nur ansatzweise sehen und nicht annähernd verwirklichen. Dies ist das Thema des ersten Beitrages, in dem der Autor sich mit diesem Konzil auseinander setzt: Er zeigt, dass der Ausgangspunkt des Konzils – die Begründung des Glaubens aus einer Selbstoffenbarung Gottes durch Jesus als menschgewordenen Gott – selbst fundamentalistisch ist und deshalb dem Atheismus nichts entgegensetzen kann. Paul Weß sieht auch im Atheismus einen positiven Aspekt als Korrektiv der Theologie: der Atheismus ist eine Aufforderung, das Anliegen der „negativen Theologie“ ernster zu nehmen und nicht so zu tun, als wüsste man über Gott genau Bescheid. Er will die ganze Diskussion sozusagen vom Kopf auf die Füße stellen, indem er vorschlägt, bei der Begründung des Glaubens nicht von einer Theorie über Gott, sondern von menschlichen Erfahrungen, und zwar von Erfahrungen aus der Praxis christlicher Gemeinschaften auszugehen. Dieser Ansatz erfordert natürlich auch eine ernsthafte Reform der Kirche, damit sie (anders als die übrige „Welt“) in ihren konkreten Strukturen wirklich geeignet wird, ein „Erfahrungsraum der Liebe Gottes in der Welt“ zu sein. Damit ist das Thema des ganzen Buches umrissen, das in den nächsten Beiträgen noch weiter ausgeführt wird.<br /><br />Wie tief seine Reformvorschläge reichen werden, zeigt gleich der nächste Beitrag, seine Auseinandersetzung mit dem Buch „Jesus von Nazareth“ des Papstes Benedikt XVI. Es geht dabei um die Kernaussage , dass Jesus „wirklich als Mensch Gott war“, die Benedikt aus dem Neuen Testament nachzuweisen versucht. Paul Weß bemängelt dabei, dass der Papst nur solche Bibelstellen anführt, die (scheinbar) seine Auffassung stützen, aber die vielen anderen Stellen einfach übersieht, die ihr entgegenstehen. Dann untersucht er vor allem die zwei „entscheidenden Beweise“ der Gottheit Jesu (im Prolog des Johannesevangeliums und im Philipperbrief) und zeigt, dass diese Texte ursprünglich nicht von der Gottheit Jesu sprechen, sondern anders zu verstehen sind, und erst nachträglich im Sinn der späteren hellenistischen Christologie interpretiert wurden. Zwischen der ursprünglichen Botschaft der Jünger Jesu und den „ökumenischen Konzilien“ des Oströmischen Reiches liegen nämlich nicht nur Jahrhunderte, sondern eine Übersetzung aus der hebräisch-aramäischen Gedankenwelt in die ganz anders geartete Begriffswelt der hellenistischen Philosophie. Eine solche „Inkulturation“ musste – bei allem Bemühen um eine treue Weitergabe der Botschaft – zwangsläufig auch Elemente der neuen Kultur übernehmen, die ihr fremd waren, aber seither mit der früheren Tradition zu eine Einheit verschmolzen sind und sie in einzelnen Zügen auch verfälschen konnten. Deshalb ist eine Kritik und bei Bedarf auch eine Revision dieser Tradition berechtigt und sogar unerlässlich.<br /><br />Erst in der letzten Zeit wird vielen bewusst, dass das Christentum bis heute ein Teil der europäischen (der sog. „westlichen“)&nbsp;&nbsp;Kultur geblieben und z. B. der chinesischen oder der islamischen Kultur gänzlich fremd ist, und sogar für die gerade entstehende nach-aufklärerische&nbsp;&nbsp;moderne Kultur bis jetzt als Fremdkörper erscheint. Wenn Jesus für die gesamte Menschheit überhaupt etwas Wichtiges zu sagen hat, kann deshalb die Anpassung der christlichen Lehre an die griechische Philosophie (ihre letzte Inkulturation) wohl nicht ihre letzte gewesen sein.<br /><br />Aber ist eine neue Inkulturation, also das Zurücklassen des mit dem Christentum bisher (auch von Benedikt XVI) schlechthin gleichgesetzten griechischen Denkens zu unserer Zeit überhaupt vorstellbar? – Auf jeden Fall beschreibt Paul Weß ein historisches Beispiel, wo etwas derart Unvorstellbares Wirklichkeit geworden ist. Auch für die Apostel war ja ihr Glaube an Jesus untrennbar mit ihrer angestammten jüdischen Religion verbunden, bis sie plötzlich vor Menschen standen, denen die jüdische religiöse Tradition gänzlich fremd war, die aber doch Interesse für die Botschaft Jesu zeigten. Mussten diese Menschen alle erst Juden werden, um Christen werden zu können? Paulus, der die meisten von ihnen bekehrt hat, glaubte es nicht. Er kam mit Vertretern dieser „Heiden“ zu den „Aposteln“ nach Jerusalem, und nach heftigen Diskussionen kamen sie einmütig zu der Einsicht („es gefiel dem heiligen Geist und uns“), dass nicht alle Christen auf die jüdische Tradition verpflichtet werden mussten. Eine Parallele zu dieser Lösung wäre in unserer Zeit etwa die Entscheidung, dass nicht alle Mitglieder der Kirche auf die Dogmen der ersten Konzilien ihrer „griechischen Epoche“ verpflichtet werden müssen – und Paul Weß wagt tatsächlich einen Ausblick auf diese Möglichkeit. Er kann sich dabei sogar auf Karl Rahner, auf einen der größten Theologen des 20. Jahrhunderts berufen, der seiner Kirche eine so unvorstellbare Veränderung durchaus zugetraut hat. Rahner beschrieb „theologisch“ drei große Epochen der Kirchengeschichte, „von denen die dritte eben erst begonnen…..hat. 1. die kurze Periode des Juden-Christentums, 2. die Periode der Kirche in einem bestimmten Kulturkreis, nämlich des Hellenismus und der europäischen Kultur und Zivilisation, 3. die Periode, in der der Lebensraum der Kirche von vornherein die ganze Welt ist.“ Und diese dritte Periode könnte und müsste mit einem ebenso einschneidenden Schritt beginnen, wie der Übergang vom Juden-Christentum in den Hellenismus, sonst bleibt die Kirche „westlich“. Es ist keineswegs überzeugend, wenn wir (mit Benedikt XVI.) die griechische Philosophie zum Wesen des Christentums erklären, denn damit müssten wir zugleich das Juden-Christentum (mit Jesus und seinen Jüngern!) für nicht-christlich erklären.<br /><br />Auf die am Anfang des Buches stehende Frage nach einer nicht-fundamentalistischen Begründung des Glaubens antworten die Ausführungen des Autors über nötige Reformen der katholischen Kirche, die sich zum Ziel setzen, die christlichen Gemeinden zum Erfahrungsraum der Liebe Gottes zu machen. Der Weg zu einer solchen Kirche führt durch ein erneuertes Amtsverständnis und eine auf Einmütigkeit zielende neue Entscheidungsstruktur. Mit den wirklich geschwisterlich lebenden Gemeinden entstünde dann wie selbstverständlich eine Begründung des Glaubens aus Erfahrung, die auch für aufgeklärt denkende Menschen überzeugend erscheinen kann.<br /><br />Vor der Frage der wünschenswerten Reformen sieht Paul Weß den Papst in einem beinahe unauflösbaren Dilemma. Er zitiert ausführlich aus einem Kommentar des Theologen Joseph Ratzinger zum 2. Vatikanischen Konzil , in dem dieser erklärte, dass man nicht alles als legitime Tradition, als Entfaltung der christlichen Botschaft betrachten kann, was sich in der Kirche tatsächlich gebildet hat, denn neben der getreuen Überlieferung gibt es auch die „entstellende Tradition“. Dazu stellte Ratzinger dann mit Bedauern fest, dass dieses Konzil „das traditionskritische Moment so gut wie völlig übergangen“ hat. Grund dafür war die Überzeugung der Teilnehmer, dass die beabsichtigte Erneuerung der Kirche die Gültigkeit ihrer überlieferten Lehre nicht berühren darf. Mit dieser Einstellung konnte es ihnen überhaupt nicht bewusst werden, dass ihr Konzil die bisherige dogmatische Tradition in der Tat (sogar in mehreren Punkten) „verbessert“, d. h. verändert hat, indem es etwa erklärt, dass „Menschen guten Willens“ auch außerhalb der katholischen Kirche „der Auferstehung entgegengehen“, oder indem es die Rolle der nicht-katholischen Kirchen aufgewertet, sich auch über nicht-christliche Religionen positiv geäußert, und sogar die Religionsfreiheit ausdrücklich anerkannt hat. Eine gründliche Untersuchung der früheren Konzilien hätte die Anerkennung dieser Tatsache nahe gelegt, denn sie hätte gezeigt, dass auch diese wiederholt dogmatische Erklärungen ihrer Vorgänger geändert haben, angefangen mit dem Konzil von Chalkedon (451), das das christologische Dogma des ersten Konzils von Nikaia (325) verbessert hat. Auf solche Tatsachen hinzuweisen war aber unter kirchlichen Theologen bisher nicht üblich. Die Anhänger von Lefebvre haben recht, wenn sie sagen, dass das 2. Vatikanische Konzil von der bisherigen Tradition abgewichen ist. Die Folgerung aus dieser Tatsache müssten allerdings nicht eine Abkehr vom Konzil, sondern die Überprüfung und Weiterentwicklung des Begriffes der „heiligen Tradition“ sein. Die Leitung der katholischen Kirche hat bisher (öffentlich) leider nicht den Mut, dieser Tatsache in die Augen zu schauen. Das große Dilemma des Papstes besteht darin, dass er meint, an der Gültigkeit des Konzils und gleichzeitig auch an der Kontinuität der kirchlichen Lehre festhalten zu müssen. Aus diesem Dilemma gibt es aber nur einen Ausweg: die Geschichtlichkeit der Dogmen anzuerkennen, wie auch das „Apostelkonzil“ in Jerusalem anerkennen konnte, dass die bis dahin „gültige“ jüdische Tradition in einer neuen geschichtlichen Epoche nunmehr der Vergangenheit angehörte.<br /><br />Die Bejahung der Geschichtlichkeit der Glaubenslehre hat freilich einen sehr hohen Preis; sie gefährdet auf den ersten Blick die Identität der Kirche, weil dabei ihr bisher am meisten gehüteter Schatz, ihr Privileg, der „einzig wahre Glaube“ irgendwie unauffindbar wird. In dieser Situation könnte nur helfen, die Identität der Kirche ganz radikal in der ursprünglichsten Botschaft Jesu zu verankern: Was Jesus mit „Glauben“ bezeichnete, war nämlich keineswegs ein System theologischer Aussagen, sondern (mit heutigen Begriffen formuliert) das bewusst gewordene Urvertrauen in den „Vater“ unseres Lebens, über den die Glaubenden nicht unfehlbar bescheid wissen, sondern dem sie durch uneingeschränkte Liebe ähnlich und dadurch seine Söhne und seine Töchter werden können und sollen.<br /><br /><br /><span style="text-decoration: underline;">Buchdaten:</span><br /><br />Autor(en): Weß, Paul<br />Titel: Glaube aus Erfahrung und Deutung. Christliche Praxis statt Fundamentalismus.<br />Verlag: Otto Müller Verlag, Salburg-Wien, 2010<br />ISBN 978-3-7013-1177-4<br /><br />]]></description>
   <pubDate>Sa, 5  2011 11:47:29</pubDate>
   <dc:creator>Sardy</dc:creator>
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   <title>Posener, Alan: Benedikts Kreuzzug</title>
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   <description><![CDATA[Posener, Alan: Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft<br><br><br><span style="text-decoration: underline;">Kritik:</span><br><br>„Europa soll nach dem Willen Benedikts wieder zu einem christlichen Kontinent werden“ (S. 9), sagt der Buchautor Alan Posener im Vorwort. Das ist etwas, das alle Europäer angeht, und nicht nur die Katholiken. Eine Art augustinischen Gottesstaat schwebt dem Papst wohl vor, in dem die Errungenschaften der modernen Gesellschaft keine große Rolle mehr spielen. Und dagegen zieht Posener zu Felde. Er sagt: „Dieses Buch ist erklärterweise eine Streitschrift. (…) Ja, ich klag Benedikt an. Ich halte Benedikts Denken für irregeleitet, gefährlich und in letzter Instanz für menschenverachtend, und das versuche ich zu begründen“ (S. 14).<br><br>Für Benedikt ist bereits die Aufklärung, also der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, ein großes Übel. Relativismus nennt er die so gewonnenen Freiheiten, die sein geschlossenes christliches Weltbild stören. Demokratische Spielregeln bezeichnet er als Diktat des Relativismus. Akribisch zitiert Posener aus Ratzinger / Benedikt – Ansprachen und – Texten, wo immer wieder dieses „Grundübel“ des Relativismus angeprangert wird. Benedikt traut den Menschen nicht zu, dass sie in demokratischen Prozessen zu einer fundierten Moral finden. Oder waren die Zeiten besser, als die Kirche noch die öffentliche Moral bestimmte und selber entschied, welcher Krieg zur Erhaltung oder Ausbreitung des Glaubens zu führen sei, welche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht verbreitet werden durften, weil sie dem biblischen Weltbild nicht entsprachen, oder welche Ketzer aufgehängt und welche Frauen als Hexen verbrannt werden mussten? Weil Benedikt die Errungenschaften der Aufklärung und des modernen Freiheitsverständnisses ablehnt und oft gegen die Menschenrechte argumentiert, führt Posener zu Recht diesen Streit. Der Leser erfährt in dieser komprimierten Darstellung manches, was er so noch nicht gesehen und erkannt hat. Die Lektüre ist jedenfalls spannend. <br><br>Nicht minder spannend ist das Kapitel über Benedikts Auffassung von Vernunft. Der ewige Pessimist traut der menschlichen Vernunft nicht, sie bedürfe der Führung durch den Kirchenmann; oder anders ausgedrückt: die Vernunft bedarf des Glaubens. Damit wird eine längst überwunden geglaubte Bevormundung der Wissenschaften, der Kultur, der Menschen etc wieder eingesetzt. Rolle rückwärts nennt man das. <br><br>Eine weitere Frage, die auf dem Prüfstand steht: Wie geht Benedikt mit dem Holocaust um? Posener analysiert die Rede Benedikts vom 29. Mai 2006 in Auschwitz. Ergebnis: ein einziges Desaster – nicht aus Unbeholfenheit, sondern aus Unsensibilität. Ein Schuldbekenntnis kommt ihm nicht über die Lippen. Schuld war Hitler und die Umstände eben. Ich gebe zu: eine Analyse wie hier ist aus der Tagespresse nicht zu erfahren. Posener kommt zum Ergebnis: Es wäre besser gewesen, nicht nach Auschwitz zu kommen… Er nennt viele Gründe. <br><br>Im vierten Kapitel geht es um Ratzingers / Benedikts Verhältnis zu den Juden generell. Posener erinnert an die Oberammergauer Festspiele, deren Charakter in der Nazizeit ausgesprochen antisemitisch war. Erst 1980 wurden auf dem Hintergrund des Konzilsdokumentes Nostra Aetate und nach Intervention jüdischer Organisationen Text und Aufführungspraxis geändert. Kardinal Ratzinger, der am 17. Mai 1980 mit einem Gottesdienst die Festspiele eröffnete, sagte in der Predigt: „Man kann Antisemitismus auch herbeireden; auch das sollte bedacht werden; deshalb möchte ich alle, insbesondere unsere jüdischen Freunde, bitten, mit dem Vorwurf des Antisemitismus aufzuhören“ (S. 104). – Sodann behandelt Posener den Skandal der Wiedereinführung der diskriminierenden Karfreitagsfürbitte „für die Bekehrung der perfiden Juden“ durch die Wiederzulassung der Tridentinischen Messe und Karfreitagsliturgie durch Benedikt. Jüdische Proteste darauf kommentierte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen Kardinal Walter Kasper etwa so: die Juden möchten respektieren, dass wir als Christen unserem Glauben gemäß beten, so wie wir selbstverständlich ihre Art zu beten respektieren. In dieser Hinsicht hätten beide Seiten noch zu lernen. – Anschließend geht Posener noch auf die leidige Angelegenheit mit der Priesterbruderschaft ein. Bekanntlich wurden die vier Bischöfe der Lefèbvre-Gruppe von der Exkommunikation freigesprochen, obwohl bekannt war, dass die Piusbrüder stark antisemitisch ausgerichtet sind. <br><br>Und so geht es weiter mit dem Besuch Benedikts in Afrika und der im Vorfeld wiederbelebten Kondom-Frage im Zusammenhang mit Aids. Posener nennt das eine Kultur des Todes. Es folgt die wissenschaftsfeindliche Einstellung Benedikts, z. B. in der Schöpfungsfrage. Längst überholte und erledigte Standpunkte werden in einer Rolle rückwärts wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Dann schneidet Posener noch ein ganz besonders trauriges Kapitel an: Benedikts Regensburger Rede. Wer hätte es für möglich gehalten, dass ein Papst die islamische Welt so provozieren würde? Die anschließenden Proteste, Klarstellungen, Gespräche, führte dann 1980 zu einer gemeinsamen katholisch-schiitischen Erklärung, die mit großem publizistischen Getöse in die Zeitungen gebracht wurde. In Wirklichkeit ein Reinfall erster Güte, wenn man das Dokument wirklich liest, interpretiert, die beteiligten Personen unter die Lupe nimmt und bewertet. Für Benedikt allerdings positiv: Mit dem Islam lässt sich gemeinsam gegen die Moderne vorgehen. <br><br>Das vorliegende Buch ist gewiss eine Streitschrift. Aber man wird ja wohl streiten dürfen – auch in der Kirche! Posener bringt eine Außenansicht der Benedikt-Führung unserer Kirche. Kritische Christinnen und Christen sollten sie zur Kenntnis nehmen. Sie sollten auf ihre Weise dazu beitragen, dass unsere katholische Kirche wieder ein anderes, hoffnungsvolleres Gesicht bekommt. <br><br><br><span style="text-decoration: underline;">Buchdaten:</span><br><br>Autor(en): Posener, Alan<br>Titel: Benedikts Kreuzzug. <br>Verlag: Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin<br>ISBN Nr. 978-3-550-08793-6<br>]]></description>
   <pubDate>Do, 3  2009 21:07:28</pubDate>
   <dc:creator>Weber</dc:creator>
  </item>
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   <title>Bürger, Peter: Die fromme Revolte.</title>
   <link>http://www.religion-und-spiritualitaet.de/cgi-bin/forum/Blah.pl?m-1259870740/</link>
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   <description><![CDATA[Bürger, Peter: Die fromme Revolte. Katholiken brechen auf.<br><br><span style="text-decoration: underline;">Kritik:</span><br><br>Gleich im Vorwort sagt Peter Bürger, worum es ihm geht: „Das richtige Wort für das, was ansteht, lautet nicht Reform, sondern Revolution“ (S. 9). „Nichts weniger als eine fromme Revolution von unten ist angesagt. Die Anfänge dieser Revolte sind längst da. Dieses Buch soll durch theologische Denkanstöße ermutigen“ (S. 11). Bürger ist Theologe – kein römischer Hoftheologe – und versteht vortrefflich, theologisch zu argumentieren. Er ist seit 1980 bei der deutschen Sektion von PAX CHRISTI tätig und wurde 2006 für seine Studien über „Krieg und Massenkultur“ mit dem Bertha-von-Suttner-Preis ausgezeichnet. Folglich ist die von ihm geschürte Revolution eher eine sanfte, weil gewaltfreie. Das Buch ist für kritische ChristInnen eine Freude zu lesen. Persönliche Erlebnisse und autobiographische Einschübe geben Einblicke in die Persönlichkeit des Autors und machen die Lektüre des Buches besonders angenehm. <br><br>In zehn Kapiteln schreibt Bürger über Kirche und Gesellschaft im Lichte der christlichen Botschaft, und zwar mit großem psychologischem Einfühlungsvermögen und gediegener Geschichtskenntnis. Im ersten Kapitel geht es um den Götzen „Macht“. „Ein Christentum, das die Herrschaft von Menschen über Menschen nicht mehr als Skandal betrachtet, hat mit Jesus Christus nichts zu tun. (…) Mitnichten geht es in einer dem Evangelium zugehörenden Kirchenreformbewegung darum, kirchliche Machtausübung zu kontrollieren oder selbst (…) Teilhabe an der Macht zu erlangen. Kirchenreform beginnt vielmehr damit, Macht als Götzen zu entlarven“ (S. 13). Wer Macht ausübt, ist nicht mehr er / sie selbst, muss jede Verletzlichkeit verbergen und verbreitet über die Beherrschten Angst. So kann man niemals den liebenden Gott verkündigen. Daher gilt: „In der Kirche der Zukunft werden alle wieder Brüder und Schwestern sein – nicht nur theoretisch. In ihr wird man alle Liebenden Theologinnen und Theologen nennen, ganz gleich, ob sie als Straßenkehrer, Musiker, Priester oder Caritas-Mitarbeiter Wunden heilen“ (S. 22). <br><br>Das zweite Kapitel (überschrieben: Ultra Montes) handelt vom Drama der römischen Kirche in der Neuzeit. Bürger erinnert an die Anfrage Küngs „Unfehlbar?“, die ihm 1979 den Entzug der Lehrerlaubnis einbrachte, dann an Haslers Dissertation „Pius IX (1846-1878), päpstliche Unfehlbarkeit und 1. Vatikanisches Konzil“, die in ganz unseriöser Weise von den vatikanischen Hoftheologen desavouiert wurde. Nur der Tod Haslers ein Jahr später bewahrte ihn vor weiteren Maßnahmen. Damit aber war der Ausstieg der Kirche aus der Geschichte fehlbarer Menschen ein für allemal besiegelt. Ab sofort weiß nur noch einer, der Papst, was zu glauben ist, die vielen Glaubenserfahrungen der anderen spielen keine Rolle mehr. Die Kirche ist zu einem geschlossenen System geworden, das nur noch um den Selbsterhalt kämpft. <br><br>Drittes Kapitel: „Unheilbar katholisch“. Dieses Kapitel über den sog. Milieukatholizismus ist für mich das schönste und authentischste Kapitel des Buchautors, weil es Einblicke gibt in dessen eigene Jugend und Reifung und in das Milieu, von dem er selbst ein Teil war. Ich habe dieses Kapitel mehrmals gelesen, weil es Situationen beschreibt, die den meinen ähnlich waren, an Orten, die nicht weit von meinem Geburtsort liegen.<br><br>Das vierte Kapitel handelt vom II. Vatikanischen Konzil: dem Reformkonzil. Am Anfang steht ein wirklicher Christ: Papst Johannes XXIII. Was wollte der eigentlich? Aufbruch oder Kontinuität? Das Konzil ist gezeichnet vom Ringen zwischen beiden Richtungen. Im Nachhinein muss man leider feststellen, dass aus dem Aufbruch nichts (oder nur wenig) geworden ist, die Interpretation des Konzils im Sinne der Kontinuität ohne Brüche hat sich durchgesetzt; denn die Nachfolgepäpste bis Benedikt XVI. waren und sind gegen einen wirklichen Aufbruch. Seit 2005 ist sogar ein Fahrplan zu erkennen, dass die ultrakonservativen Gegner des Konzils wieder ins Boot zurückgeholt werden sollen. Bürger versteht es meisterhaft, die Zeichen der Zeit zu erkennen, zu benennen und sie in einen plausiblen Zusammenhang zu setzen. <br><br>Credo – so heißt das fünfte Kapitel. Man kann Glauben verstehen als Vertrauen auf Gottes unendliche Liebe, dann sind die exakten Glaubensinhalte weniger wichtig; oder man betrachtet Glauben als eine Litanei von dezidierten Glaubenswahrheiten, die aufzusagen von Bedeutung sein soll. Das römische Glaubensverständnis geht in die zweite Richtung. So ist Glauben kontrollierbar, erzwingbar und fordert die Gewalttätigkeit geradezu heraus wie z. B. in der Inquisition. „Wir wollen das, was sich gegenwärtig in der römischen Kirche abspielt, einmal ganz offen beim Namen nennen: Eine Klasse von Theologen, die ihre Existenzangst (…) hinter einer erfahrungslosen Kopftheologie versteckt und durch die Existenzweise der Machtausübung zu beruhigen versucht, hat das Regiment an sich gerissen. Da für diese Theologenriege Offenbarung nur in Form von Proklamationen eines übernatürlichen Lehrsystems zugänglich ist, will sie auch alle anderen Menschen von jener Offenbarung abhalten, die sich in unserem Leben unmittelbar und ganz leibhaftig ereignen kann“ (S. 145f.). <br><br>Priestermacht und Abendmahl – so ist das sechste Kapitel überschrieben. Damit sind die ewigen Streitpunkte benannt, die die römische Kirche gegen die Ökumene geltend macht. Bürger meint sogar, Rom wolle die Ökumene bis zum Weltuntergang vertagen. In dieser Frage kann der Autor seine Ungeduld und Verärgerung nicht verbergen. „Der Antiökumenismus derjenigen, die das Reformkonzil rückgängig machen und die protestantischen Kirchen nicht einmal mehr als Kirchen anerkennen wollen, hat überhaupt nichts Konservatives an sich. Im Gegenteil. Er überfährt rücksichtslos den gewachsenen Liebesweg, den römisch-katholische und evangelische Christen seit einem halben Jahrhundert und länger miteinander gehen. Eine solche Missachtung der leibhaftigen Kirchengeschichte und des in ihr wirkenden Heiligen Geistes kann nur als postmoderne Überheblichkeit gewertet werden. Verräterisch an der antiökumenischen Kopftheologie ist, dass letztlich die Interpretation eines einzelnen Wortes aus dem Ökumenismus-Dekret des II. Vaticanums ausschlaggebend sein soll“ (S. 150). Gemeint ist das lat. subsistit, d. h.: die eine, heilige Kirche ist verwirklicht in der von Papst und Bischöfen geleiteten Kirche. Das Konzil wollte das nicht ausschließlich auf die katholische Kirche beziehen wie heute Papst Benedikt, sondern Kirchen auch außerhalb der römisch-katholischen anerkennen. Damit zensiert Benedikt das Konzil. Schließlich hat er die Deutungshoheit. – Ist es Hoffnung wider alle Hoffnung, wenn Bürger am Ende des Kapitels meint? „Gegen den Glaubenssinn, den der Heilige Geist in so vielen Herzen eingibt, kann Rom sich auf den Kopf stellen und doch nichts ausrichten. Der gemeinsame Tisch ist längst gedeckt. Auf die Denunzianten wird in naher Zukunft so viel Arbeit zukommen, dass sie ihrer ehrlosen Aufgabe nicht mehr gewachsen sind“ (S. 157). <br><br>In den letzten vier Kapiteln (7. Pro multis; 8. Pacem in terris; 9.Populorum progressio; 10. Lumen gentium) geht es um die Herausforderungen einer Kirchenbewegung  für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Eine Kirche, die sich von der Welt abschottet und von anderen Christen, vertut die Chance, Salz der Erde und Licht auf dem Berg zu sein. Johannes XXIII und Paul VI. haben in ihren Enzykliken Pacem in terris und Populorum progressio Wege gewiesen, was Kirche in der Welt sein könnte und sein sollte. Bürger, der seit 1980 mit der Friedensbewegung verbunden ist, resigniert nicht. Im Gegenteil: für ihn gibt es viele Anzeichen, dass die Kirche Zukunft hat, wenn sich die sog. Laien aus ihrer Bevormundung durch die klerikale Führungsschicht befreien und selber Initiativen ergreifen. – Das Buch ist spannend bis zur letzten Seite und sollte bei kritischen Christen die verdiente Beachtung finden.<br><br><span style="text-decoration: underline;">Buchdaten:</span><br><br>Autor(en): Bürger, Peter<br>Titel: Die fromme Revolte. Katholiken brechen auf.<br>Verlag: Publik Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberursel<br>ISBN Nr. 978-3-88095-191-4<br>]]></description>
   <pubDate>Do, 3  2009 21:05:40</pubDate>
   <dc:creator>Weber</dc:creator>
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   <title>Jörns, Klaus-Peter: Mehr Leben, bitte!</title>
   <link>http://www.religion-und-spiritualitaet.de/cgi-bin/forum/Blah.pl?m-1253983584/</link>
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   <description><![CDATA[<span style="text-decoration: underline;">Kritik:</span><br><br>„Mehr Leben“ heißt für den Glauben: wieder beim Leben Jesu in die Schule zu gehen. Denn die Kurzformeln des Glaubens, worin nur der Anfang und der Tod Jesu eine Rolle spielen, unterschlagen, dass das ganze Leben Jesu mit und für uns gelebt wurde. „Mehr Leben hätte die Kirche in sich, wenn sie Jesu Leben wieder intensiver als ihre Mitte ansehen würde. Mehr Leben darum, weil so die Freiheit im Glauben, die Jesus gelebt und verkündet hat, auf die Gläubigen übergehen könnte. Der Grund dieser Freiheit ist seine Gottesbeziehung gewesen“ (S.21). Nicht nur die Gotteswahrnehmungen (ein Schlüsselbegriff bei Jörns!), die in der Bibel ihren Niederschlag gefunden haben, haben alleine Gültigkeit, sondern auch die späteren in der Geschichte der Kirche und selbstverständlich auch unsere in der heutigen Zeit. Noch weiter spannt Jörns den Bogen, wenn er sagt: „Die Zukunft wird zeigen, dass die Vielfalt der Zugänge zu Jesus zunehmen, je stärker sich die Kulturen vermischen“ (S. 22). Wichtigstes Kriterium wird immer sein, ob die Gotteswahrnehmungen jene unabdingbare Liebe Gottes im Blick haben wie Jesus in seiner Botschaft. – Das sind die Weichenstellungen im Vorwort.<br><br>Im ersten Kapitel geht es um die falschen Vorstellungen, Gott sei allmächtig. Mächtig ist er als Liebe, und zwar als bedingungslose Liebe. Das ist die Verkündigung Jesu. Damit holt er Gott aus den gewohnten Allmachtsrollen heraus, verletzt so die religiöse Weltordnung und geht dafür ans Kreuz. Gefährlich ist das Erwählungsdenken, weil mit der Erwählung immer auch verbunden ist die Verachtung der Nicht-Erwählten. Gott liebt alle Menschen ohne Ausnahme. Und ein drittes Problem ist die Gerechtigkeit Gottes angesichts der Leiden in der Welt. Die alte Vorstellung, dass Leiden oder Wohlergehen in einem inneren Zusammenhang zur Lebensführung stehen, passt nicht mehr zu einem Gottesbild, das von bedingungsloser Liebe geprägt ist. Gott ist ein Freund des Lebens und führt auch uns zur Ehrfurcht vor dem Leben. – Uralte Fragen, auf die Jesus neue Antworten gegeben hat. <br><br>Die nächsten Kapitel thematisieren die Feste des Kirchenjahres und zeigen, wie schöpferisch der Umgang mit den Festinhalten sein kann. – Weihnachten: die Rückkehr des außerweltlichen Gottes in die eine Wirklichkeit. Rückkehr meint hier nicht, dass Gott jemals außerweltlich gewesen wäre, sondern „dass Gott durch das Leben und die Gottesverkündigung Jesu endlich wieder als der wahrgenommen worden ist, der zu der Lebenswirklichkeit der Geschöpfe gehört“ (S. 41). Für Jörns selbstverständlich: „dass alle Religionen zur universalen Religionsgeschichte gehören, in der Wahrnehmungen des Einen Gottes auf unterschiedlichste Weise zur Sprache gebracht worden sind“ (S.40). Die Erläuterung dieser These lässt erkennen, dass Jörns ein hervorragender Religionswissenschaftler ist. – Jahreswechsel: Plädoyer für ein Schöpfungsfest. Die Idee ist faszinierend: Schöpfung als Selbstentfaltung Gottes in den Gestaltwerdungen des Lebens. „In der Schöpfung setzt Gott alle Lebensgestalten aus sich heraus und bleibt zu allen in Verbindung. Er wird mit geboren, wenn das Leben eine neue Gestalt annimmt, und stirbt mit, wenn diese Gestalten aufhören. Alles geschieht in einem großen Lebenszusammenhang, in dem das Leben sich durch das Werden und Vergehen von Lebensgestalten zugleich erhält und verändert und vor dem Vergreisen bewahrt. Das gilt für die Schöpfung am Anfang des Alls, aber es gilt auch für die Schöpfung am Anfang eines jeden individuellen Lebens, das seine – sterbliche – Gestalt annimmt und lebt“ (S. 71). Ein Schöpfungsfest, in dem all das zur Sprache kommt: das Werden und Vergehen (Tod allerdings nicht „als der Sünde Sold“ Rm 6,23), die Liebe und das Leid, die Lieblosigkeit und die Vergebung würde dem Altjahresabend mit dem Übergang zum neuen Jahr einen tiefen Sinn geben. – Epiphanias: Unterwegs sein mit Jesus. Es geht um Daseinsdeutung, um Deutung des eigenen Lebensweges in der Kraft des Geistes, um Sendung, um unsere Liebe, deren auch Gott selbst bedarf (Mt 25,31-45). – Palmsonntag: Jesus, der traurige Held zwischen Hosianna! und Kreuzige ihn! Die Karwoche beschreibt Jesu Einzug in unsere Sterblichkeit. „Nur, weil er sterblich gewesen ist wie wir, ist er wirklich Mensch geworden. Karfreitag ist deshalb die letzte Station der Inkarnation, der Fleischwerdung“ (S.97). – Gründonnerstag: Was hat Jesus mit unserer Abendmahlsliturgie zu tun? Hier wird ein sehr heikles Thema angesprochen. Kann sich das Abendmahl, wie es unter dem Einfluss so vieler Faktoren (jüdische Mahlfeiern, theologische Deutungen, unterschiedliche Praktiken) überliefert wird, auf Jesus berufen? Spiegelt es seinen Geist wieder? Die Entstehungsgeschichte macht deutlich, dass es sich um eine frühkirchliche Ausformung der Liturgie handelt, wo der Tod Jesu als Opfer- bzw. Sühnetod gedeutet wird. Davon hat Jesus selber allerdings nichts gewusst. Daher sieht Jörns die Mahlfeier, wie sie in der Didache beschrieben ist, als ursprünglicher an, nämlich als Feier der Lebensgaben Gottes ohne Opfervorstellung. – Karfreitag: Jesu Sterben: der letzte Akt der Menschwerdung Gottes. Der Sühnegedanke des Kreuzestodes Jesu ist für Jörns unerträglich, weil durch diese Deutung des Todes die Botschaft Jesu auf den Kopf gestellt wird. „Geschehenes Unrecht wird durch ein als Sühne interpretiertes unschuldiges Leiden Dritter weder ungeschehen noch gar wiedergutgemacht – zumal dann nicht, wenn die Sühne in der Hinrichtung eines zu Unrecht Beschuldigten besteht, wie die Sühnopfertheologie unterstellt“ (S. 135). Und: „Gott hat Jesu Sterben weder verursacht noch verhindert oder gar als Heilsgeschehen instrumentalisiert. Er hat es mit Jesus erlitten. Was Gott mit Jesu Tod zu tun hat, kommt erst auf der Rückseite des Sterbens, an Ostern, zur Sprache, als Jesus sich durch den Geist als lebendig erweist“ (S.137). Das hat natürlich Konsequenzen für eine Theologie, die in unsere Zeit passt wie für die Gestaltung der Liturgie (nicht nur in der Karwoche). – Ostern: Jesus ist gestorben und hat neue Gestalten angenommen. Jörns sagt: „Auferstehung ist ein bildhaftes Geschehen. Es markiert den Übergang von Menschen, die durch ihre begrenzte Lebenszeit und den unterschiedlichen Zeitpunkt ihrer Geburt ungleichzeitig zueinander sind, in die Gleichzeitigkeit mit Gott“ (S. 14<img src="/blahdocs/Smilies/cool.png" style="vertical-align: middle" alt="" />. Da der Mensch leibliche Gestalt hat, ist er auch von Natur aus verweslich. Im Tod verwandelt er sich in einen geistigen Leib (1 Kor 15), wie Paulus erklärt. „Geist ist Energie und in der Lage, sich neue Gestalt zu suchen. Von ihr können wir nur so viel sagen, dass sie nicht mehr identisch ist mit der irdischen Leiblichkeit, in der wir sterben werden, und dass es trotzdem ein Kontinuum gibt“ (S. 152). Der Geist ist das Bleibende, und die Liebe verbindet uns mit Gott und untereinander über den Tod hinaus. – Pfingsten: Geist ist Wahrheit. Aber die Wahrheit ist um des Lebens willen uneindeutig. Dieses Kapitel eröffnet wahrhaft ökumenische Perspektiven – Ökumene in einem religionsübergreifenden Sinn. Hier ist der Religionswissenschaftler Jörns in seinem Element. Es ist eine Lust, diese Gedanken zu lesen: von den verschiedensten Offenbarungen als Prozessen der Gotteswahrnehmung, vom unaufhaltsamen Überschreiten einer jeden Religion ihrer alten kulturellen Grenzen, vom Entstehen neuer Religionen, wenn sich das Gottes-, Welt- und Selbstverständnis in der Kultur ändert. Einfach toll! – Trinitatis bzw. Dreifaltigkeit: Eine Dreiheit als Brücke zwischen den Religionen auf dem Weg in eine interreligiöse Ökumene. Es ist praktisch eine Fortsetzung des vorherigen Kapitels. Der interreligiöse Dialog macht deutlich, dass alle Religionen eine gemeinsame Herkunft haben, dass der fruchtbare Dialog manchmal schmerzliche Abschiede im eigenen Lager notwendig macht und zu heilsamen Aufbrüchen führt. – Ewigkeits- oder Totensonntag: Vom Tod als „der Sünde Sold“ zum Tod als Tor im Leben. Das ist das letzte Kapitel, gewissermaßen die Fortsetzung des Osterkapitels mit der Anwendung auf den individuellen Umgang mit Sterben, Tod und Auferstehung. <br><br>Ausgelassen habe ich in dieser Buchbesprechung die kürzeren Kapitel „Kreuzesmeditation“ und „Betet! Rogate!“ über das Unser-Vater. Angefügt ist noch ein Gespräch von Stefan Hügli mit Klaus-Peter Jörns, das ursprünglich als Radiosendung veröffentlicht wurde.<br><br>Jörns gehört zu den Kirchenmännern, die heute in der Theologie Neues zu sagen haben und es auch zu sagen wagen. Vieles klingt so plausibel, dass man es gleich umsetzen möchte – wären da nicht die restriktiven Kirchenautoritäten (zumindest in der katholischen Kirche), die sich den ultrakonservativen Gruppierungen (Piusbrüdern) anbiedern, die eine Theologie von vorgestern vertreten. Fazit: Wer für Visionen in der Theologie offen ist, sollte dieses Buch unbedingt lesen.<br><br><br><span style="text-decoration: underline;">Buchdaten:</span><br>Autor(en): Jörns, Klaus-Peter<br>Titel: Mehr LEBEN bitte!<br>Verlag: Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh<br>ISBN Nr. 978-3-579-08048-2<br><br>]]></description>
   <pubDate>Sa, 26  2009 18:46:24</pubDate>
   <dc:creator>Weber</dc:creator>
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   <title>Jörns, Klaus-Peter: Glaubwürdig von Gott reden.</title>
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   <description><![CDATA[Jörns, Klaus-Peter: Glaubwürdig von Gott reden. Gründe für eine theologische Kritik der Bibel<br><br><span style="text-decoration: underline;">Kritik:</span><br><br>Die Entstehung dieses Buches verlief parallel zur Entstehung des Buches „Mehr Leben, bitte!“ vom selben Autor. Entsprechend sind die Inhalte beider Bände ähnlich. <br><br>Wenn man in unserer Zeit glaubwürdig von Gott reden will, dann kann man nicht länger so tun, als sei das Christentum die einzig wahre Religion und alle anderen Religionen hätten mit dem Gott der Christen nichts zu tun. Erinnerst wird an den Erlass des Kölner Kardinals Meisner vom 6.12.06, wonach in katholisch geführten Schulen christliche und muslimische Kinder nicht gemeinsam in einem Raum beten dürfen. Denn – so der Kardinal: „das Gottesbild der nichtchristlichen Religionen ist nicht identisch mit dem Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus ist.“ Der Kardinal meint wohl, dass unterschiedliche Gottesbilder auch unterschiedliche Götter bedeuten. Wenn aber unterschiedliche Gottesbilder „nur“ unterschiedliche Wahrnehmungen des einen und einzigen Gottes sind – wie Jörns erklärt, dann hat dieser Erlass kein Fundament mehr. In der Tat hat die christliche Theologie es nicht verstanden, der religiösen Pluralität eine positive Wertung zu geben. Das muss sie lernen (1. Lektion!); denn alle Religionen bezeugen authentisch den einen Gott, wie sie ihn wahrnehmen. Keine einzige Heilige Schrift kann die Fülle aller Gotteswahrnehmungen enthalten, also auch die Bibel nicht. Im übrigen ist die Bibel in weiten Teilen bereits eine interreligiöse Schrift: sie ist im hebräischen Teil zugleich Heilige Schrift der Juden und der Christen. Und die Gotteswahrnehmung Jesus ist uns überliefert auf jüdischem Hintergrund (in den synoptischen Evangelien) wie in hellenistischer Denkweise (im Johannesevangelium). „Mit etwas theologischer Phantasie kann man erkennen, dass Muhamad im Koran eine wahrnehmungstheoretische entsprechende neue Wahrnehmungsgestalt zentraler biblischer Überlieferungen in neuer kultureller Umgebung vermittelt hat. In ihnen ist seine authentische Gotteserfahrung mit den jüdisch-christlichen Überlieferungen und der arabischen Kultur verschmolzen worden“ (S. 23/24). Gott offenbart sich auf vielerlei Weisen und damit uneindeutig. Damit ist aber jeder Absolutheits- und Ausschließlichkeitsanspruch hinfällig – auch auf christlicher Seite. – Was wir außerdem lernen müssen (2. Lektion!) ist, Gott wieder aus seiner Außerweltlichkeit in die eine Wirklichkeit zurück zu holen. Gott und Welt gehören zusammen, gerade auch in der modernen Welt, und Glaubensaussagen wie Auferstehung und dgl. müssen grundsätzlich auch naturwissenschaftlich denkbar sein. „Die wissenschaftliche Theologie hat die Aufgabe, im Gespräch mit den Naturwissenschaften entsprechende Denkmodelle zu entwickeln, die für beide kommunikabel sind“ (S. 30). – Schließlich müssen wir lernen (3. Lektion!), dass das Christentum angesichts der vielen anderen Religionen die bisherigen Vorstellungen von Größe, Einzigartigkeit und Einheit nicht aufrecht erhalten kann. Stückwerk ist all unser Erkennen (1 Kor 13,9). <br><br>Das zweite Kapitel, dessen Überschrift „Glaubwürdig von Gott reden“ zum Buchtitel gewählt wurde, trägt noch einmal thesenhaft zusammen, wo ein glaubwürdiges Reden von Gott heute ansetzen muss. Dabei darf man sich nicht wundern, wenn neues am Leben Jesu orientiertes Denken gegenüber den eingefahrenen Praktiken der Kirche revolutionäre Züge trägt. Das war im Leben und in der Verkündigung Jesu nicht anders. Im Einzelnen: die religiöse Vielfalt verlangt eine positive Bewertung und muss in Kauf nehmen, dass Gott sich jener Eindeutigkeit entzieht, die ihm in den einzelnen Religionen zugeschrieben wird. Daraus folgt, dass Offenbarung nie abgeschlossen ist, sondern mit dem Wandel der Kulturen und den Erkenntnissen der Naturwissenschaften und der Theologie grundsätzlich offen bleibt. Theologie, die dem Leben dienen will, verlangt nach selbstkritischer Betrachtung ihrer Vergangenheit und nach Korrekturen für die Zukunft. Schließlich gilt es Abschied zu nehmen von antiquierten Deutungen der Lebenswirklichkeit, z. B. dass der Tod der Sünde Sold sei. – Eine knappe Zusammenfassung der Hauptanliegen des Autors Jörns.<br><br>Es folgen noch wie Kapitel: eines über den Schmerz und eines über die Tiere als beseelte Mitgeschöpfe des Menschen. Zwei ausführliche Gespräche zwischen dem Autor und Wolfgang Noack bzw. Samuel Geiser ergänzen die Sammlung der Aufsätze.<br><br>Ein lesenswertes Buch für alle, die an neuem theologischen Denken Interesse haben.<br><br><br><span style="text-decoration: underline;">Buchdaten:</span><br>Autor(en): Jörns, Klaus-Peter<br>Titel: Glaubwürdig von Gott reden.<br>Verlag: Radius-Verlag GmbH Stuttgart<br>ISBN Nr. 978-3-87173-339-0<br>]]></description>
   <pubDate>Sa, 26  2009 18:44:54</pubDate>
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